Mit Familien wachsen

Als ich zur PiklerSpielraum Tagung nach Salzburg fuhr, tat ich dies hauptsächlich aus der Motivation heraus, irgendwann einmal eigene Spielräume zu leiten. Doch dafür gab ich mir selbst noch Zeit. Mein momentaner Fokus liegt auf der Familienbegleitung. So hatte ich nicht erwartet, wie sehr mich diese Tagung nicht nur unterstützen und bereichern, sondern auch unglaublich berühren würde.

Direkt am Freitag begann das Wochenende mit einem Vortrag von Anna Tardos, der Tochter Emmi Piklers, zum Thema „Familien begleiten in Eltern Kind Gruppen“

Als erstes stellte sie die Frage: „Sollen/Müssen/Dürfen wir Eltern begleiten?“
Die vermehrt auftretenden Schrei- oder Schlafambulanzen, das vermehrte Aufsuchen von Therapeuten oder Pädagogen seitens der Eltern, beantwortet diese Frage allein schon. Hinzu kommen die unzähligen unterschiedlichen Fachmeinungen, zwischen denen sich Eltern einfach nicht mehr auskennen. Kinderärzte, Hebammen, Therapeuten – sie alle reden wirr auf die Eltern ein. Aber sie alle leben einen großen Unterschied zur eigentlichen Familienbegleitung – sie kennen die Familie oft nur wenig, versuchen zu wenig zu verstehen, sondern eher, ihre Fachmeinung loszuwerden.
Daher ist es klar: Familienbegleitung ist notwendig und gefragter denn je. Das macht es nicht zu einer Marktlücke, mit der man versuchen sollte, sein Geld zu verdienen. Vielmehr sollten wir uns bewusst sein, welch verantwortungsvollen und sensiblen Job wir gewählt haben. Aber wie können wir den nicht nur ausüben, sondern dabei hilfreich und bereichernd sein?

Schon Emmi Pikler hat sich mit dieser Frage befasst. Sie war jahrelang private Kinderärztin und hat Familien auch über die medizinischen Anliegen hinaus begleitet. Die wenigsten wissen das, weshalb sie oft als „die mit dem Kinderheim“ abgestempelt wird, die angeblich eine Pädagogik entwickelt hat, unter der ihr Heim gut und einfach läuft. Dabei hat sie so viel mehr getan. Vieles davon wird in dem Blog hier noch auftauchen.
Emmi Pikler hat sich nicht nur gefragt „Wie kann ein Kind sein?“ sondern auch „Wie sind Kinder?“ Sie hat also vor allem die Kinder beobachtet und in ihnen gelesen. Dann hat sie mit den Eltern gearbeitet, sie begleitet.
Natürlich hat sie damals recht kämpferisch und dogmatisch gearbeitet. Das bestätigt heute sogar ihre Tochter Anna Tardos. Anna hat in ihrem Vortrag eindringlich betont, dass wir nicht missionarisch sein dürfen. Dass wir Eltern nicht verschrecken sollen, indem wir dreimalklug und weise den Eltern vermitteln, dass sie bisher alles falsch gemacht haben. Vielmehr kommt es darauf an, die Eltern zu verstehen und zu kennen. Denn sie haben ihre eigene Geschichte, ihren kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Wir müssen ihre Motivation kennen, ihre Persönlichkeit.

Vor allem aber – und das ist wohl fast noch wesentlicher – dürfen wir Lösungen nur anbieten. Nicht aufzwängen. Und nicht einmischen. Wie können keine Familie beraten, unterstützen und begleiten, die nicht von sich aus zu uns kommt und uns fragt. Wo keine Frage ist, können wir nichts tun.

Am Heimweg im Zug habe ich eine Mutter gesehen, die ihr Kind, das noch nicht gehen konnte, an den Händen geführt hat. Den Gang rauf und runter. Natürlich tut es mir irgendwo weh, das zu sehen. Aber dabei das Lächeln der Mutter und die Zweisamkeit der beiden. Eine Harmonie, die man nicht zerstören darf. Also habe ich sie angelächelt und bin vorbeigegangen.

Was genau können wir aber tun als Familienbegleiterin? Anna Tardos sagt – wir können mit den Kindern arbeiten. Mit den Kindern reden, sie beobachten, auf sie eingehen. Wenn wir den Eltern quasi „vormachen“, wie wir Probleme lösen können, geben wir die Möglichkeit nachzuahmen. Ohne dabei zu bewerten oder zu belehren. Ein Angebot.
Und – und das hat mich besonders beeindruckt – können wir Eltern aufzeigen, was ihre Kinder können, was sie tun. Damit wertschätzen wir nicht nur das Kind, sondern vor allem auch die Eltern. Und das ist es, was es oft braucht. Eine kleine Anerkennung. Eine wertschätzende Geste.
In einem Spielraum können wir das natürlich noch viel einfacher. Wir erleben das Kind dabei im Spiel, in Konflikten mit anderen Kindern und ganz bei sich. Wir können so viel mehr über die Familie erfahren. Und „vorbildlich“ arbeiten. Ein Grund, warum ich die Familienbegleitung mit der Spielraumleitung kombinieren möchte.

Aafke, eine Niederländerin, die ich auf der Tagung kennenlernte, erzählte mir, dass sie Anna Tardos vor Jahren in Ungarn kennengelernt hat und Seminare bei ihr besucht hat. Dass Anna damals noch ebenso dogmatisch und missionarisch war, wie ihre Mutter. Dass sie gelehrt hat, was richtig und was falsch ist. Was Pikler und was nicht.
Und wie sehr sie sich nun gewandelt hat, wenn sie davon spricht, dass wir uns nicht einmischen dürfen. Die Piklerpädagogik nicht als das Heiligtum vermitteln.

Es gehört also zu einer guten Familienbegleiterin auch, dass wir mitwachsen mit unserer Berufung. Dass wir Meinungen ändern und dies akzeptieren können. Mit offenem Herz und wachsamem Geist. Ehrlich und Achtsam.

Ich danke Anna für diesen wundervollen und sehr lebhaften Vortrag. Für diese offene Einsicht in die Welt der Familienbegleitung. Und freue mich auf die Herausforderungen, die mir auf meinem Weg begegnen werden.
Ich danke aber auch Emmi Pikler. Sie hat so viel erforscht und erfahren, weitergegeben und (wenn auch dogmatisch) gelehrt, dass es mir heute noch möglich ist, mehr davon zu erfahren und zu diskutieren. Mit vielen Ansätzen ihrer Erkenntnisse im Hinterkopf werde ich arbeiten. Weil ich sie für wertvoll halte. Nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie. Warum, dazu werde ich im einzelnen noch berichten auf dieser Seite. Wenn es um Bindung und Beziehung geht, um liebevolle Pflege, um freie (Bewegungs)Entwicklung. Um die Vorbereitung auf das Kind vor der Geburt. Um Problembewältigung danach. Und so vieles mehr.

Diese Arbeit ist nicht nur verantwortungsvoll und sehr sensibel. Sie ist so reich und berührend. Ein wundervoller Weg, der vor mir liegt. Danke!

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