Lass es raus!

IMG_4440Unlängst klingelte es bei uns an der Tür. Draußen stand R. (5 Jahre) und wollte mit Herrn Klein in den Spielraum im Erdgeschoss gehen. Herr Klein wollte das auch. Aber es war bereits nahe Abendessenszeit, Herr und Frau Klein sowieso schon an der ertragbaren Müdigkeitsgrenze und ich gedanklich schon beim Arbeitsgruppentreffen, das für den Abend angesetzt war. Also sagte ich R., dass Herr Klein heute nicht mitkommen würde. 

Herr Klein war untröstlich. Er weinte bitterlich, schrie mich auch wütend an und weinte dann noch mehr. Ich blieb ruhig und standhaft. Ich wollte an diesem Abend nicht mehr, dass er mit R. hinuntergeht, völlig übermüdet und überdreht hinaufkommt und ich dann beide Kids durchgeblasen dem Liepsten übergeben müsste.

Aber es ist auch gar nicht so wichtig, was ich wollte oder was Herr Klein wollte. Viel wichtiger war, dass diese Gefühle Raum bekommen haben. Enttäuschung. Traurigkeit. Wut. Denn als er mich wütend anschrie, war innerlich schon der Gedanke „Hey, jetzt reiß Dich mal zusammen!“ Aber was hätte das gebracht, außer noch mehr Ärger beiderseits?

Denn Kinder reißen sich nicht zusammen. Kinder sind wütend, wenn sie wütend sind. Und traurig, wenn sie traurig sind. Und zwar so richtig. Das ist gut so. Sie können dabei das rauslassen, was in ihnen tobt und wütet. Nachdem Herr Klein nämlich eine Weile geschrien hatte, beschränkte er sich aufs Weinen. Er weinte viel und lange. Und zeigte mir damit, dass es auch für ihn gar nicht mehr nur um die Tatsache, dass er gern in den Spielraum will, aber nicht darf, ging, sondern um so viel mehr, was er gerade in sich trug. Und so ließ er sich, als die Trauer die Wut verdrängt hatte, auch von mir im Arm halten. Und ging irgendwann zum traurigen Jammern, zum Lösungen finden („Aber vielleicht nachher mit dem Papa!“) und dann zur Tagesordnung über. Und gerade dieses ruhige übergehen zum „normalen Alltag“ zeigt, wie wichtig dieser Gefühlsausbruch vorher war. Wie sehr er innerlich aufgeräumt hat und nun wieder alles am rechten Fleck ist.

Diese Situationen sind schwer, aber so wichtig. Denn etwas wollen und nicht bekommen, das fällt auch uns Erwachsenen oft schwer. Wenn Kinder sehr früh schon die Möglichkeit bekommen, diese Gefühle zu erfahren und mit ihnen ernst genommen zu werden, haben sie gute Chancen, dass sie später leichter mit Enttäuschungen, Verlust oder Ablehnung umgehen können. Weil sie diese Gefühle dann gut kennen. Weil sie gelernt haben, sie anzunehmen.
Wenn wir ihnen die richtigen Worte geben für das, was sie empfinden – Wut, Trauer, Enttäuschung, Ärger – können sie es besser begreifen. Und zuordnen. Das hilft, um diese Gefühle später wiederzuerkennen und entsprechend zu reagieren.

Es ist nicht immer leicht, denn so ein richtiger Wutanfall, der kann uns – vor allem in der Öffentlichkeit – ziemlich an unsere eigenen Grenzen bringen. Nur verschlimmert ein gestresst-genervt wütender Erwachsener die Situation häufig. Die Devise lautet: Cool bleiben. Ruhig bleiben. Gefühle versuchen zu verstehen und ernst zu nehmen. Wir sind oft geneigt erst zu banalisieren („So schlimm ist das doch nun auch nicht.“), abzulenken („Schau, Du kannst doch derweil damit spielen.“), und irgendwann genervt zu bitten, jetzt doch endlich mit dem „Theater“ aufzuhören. Alles menschliche Reaktionen, die wir womöglich selbst so erfahren haben.

Auch Frau Klein kann derweil sehr sehr wüten. Wenn sie mal so richtig genervt davon ist, dass ihr Bruder ihr das Spielzeug aus der Hand reißt, oder sie nicht das zu essen bekommt, was er hat, weil sie es noch gar nicht essen kann. Da muss ich nicht immer hergehen und ihr Alternativen anbieten und – wozu ich oft geneigt bin – zu überempathisieren. „Ja, das fällt Dir jetzt schwer. Du wolltest gern…. Magst Du vielleicht… Oder … ?“ Klarer ist es, zu beschreiben, was man sieht „Du ärgerst Dich jetzt sehr, dass Dein Bruder Dir das Auto weggeschnappt hat.“ Und dann einfach zulassen, was kommt.

Aber Kinder müssen doch lernen…
Kinder lernen. Jeden Tag. Und je ernster sie dabei genommen werden, umso besser. Was sie lernen, wenn wir versuchen, ihnen in emotionalen Situationen „richtige Verhaltensweisen“ anzuerziehen, ist, dass ihre eigentlichen Emotionen falsch und fehl am Platz sind. Dann beginnen sie, diese zu unterdrücken, zurückzuhalten und entwickeln ganz andere, womöglich unangenehmere oder nachhaltig schädlichere Strategien, mit diesen umzugehen.

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