Jeder soll seine Geschichte kennen

IMG_5844Vor 3 Jahren berichtete ich hier von einem Vortrag, den ich auf der Piklertagung in Salzburg gehört und der mich sehr berührt hatte. Der Kinderarzt Dr. Wolfgang Schaller hatte von der französischen Kinderärztin und Psychoanalytikerin Francoise Dolto gelernt, mit Neugerborenen, Säuglingen und Kindern zu reden, wie es wohl für viele ungewöhnlich war. Offen und ehrlich und vor allem so, „als ob“ die Kinder uns genau verstehen könnten. Nur, dass es kein „als ob“ gab. Sondern nur das tiefe Vertrauen, dass die Kinder ihn tatsächlich verstanden.

Ich war sehr beeindruckt aus diesem Vortrag hinaus gegangen. Vor allem, weil sich Dr. Schaller sehr viel mit traumatisierten Kindern, also solchen, die eine schwierige Schwangerschaft, Geburt oder Zeit nach der Geburt erlebt hatten, beschäftigt hatte und von diesen auch in seinen Vorträgen berichtete. Ich schwor mir damals wachsam zu sein bezüglich irgendwelcher „Auffälligkeiten“ bei Herrn Klein. Schließlich hat auch er einen nicht ganz so leichten Start ins Leben gehabt. Doch wusste ich nicht, was das für Anzeichen hätten sein sollen. (Und aus heutiger Sicht gesagt: Dass sie bereits längst da waren).

Lediglich Dr. Schallers Rat, nämlich mit dem Kind an „den Ort des Geschehens“, sprich ins Krankenhaus zurück zu kehren, war ich gefolgt. Schaller sagt dazu folgendes:

Sie werden vielleicht erstaunt sein über meine Empfehlung, Mutter und Kind zurückzuführen an den Ort der Traumatisierung. Es geht hier nicht um eine optische Rückführung, sondern um eine olfaktorische. Wir alle kennen das Phänomen der Gefühlsassoziation in Zusammenhang mit bestimmten Gerüchen, z.B. Schule oder eben Krankenhaus. Die Wirkung des Verbalisierens scheint durch die Geruchsassoziation potenziert zu werden. Möglicherweise wirkt nicht nur der Geruch allein, sondern auch das Eintauchen in die Krankenhausatmosphäre.

Unser Besuch im Krankenhaus damals war noch sehr vorsichtig, ich selbst wusste nicht so recht, was ich nun sagen sollte und was zu viel war. Ich war dazu selbst noch vollgepackt mit Emotionen, die vor Ort in mir aufstiegen. Und bald spürte ich, dass es für uns genug war. Danach habe ich nicht den Mut aufgebracht, diesen Schritt zu wiederholen.

Im Laufe der Jahre danach wurde einerseits immer deutlicher, dass Herr Klein ein sehr abweisendes, sehr zurückhaltendes Verhältnis zu seiner OP hat, und gleichzeitig auch sofort abblockt, wenn wir das Gespräch dahin lenken. Obwohl wir wussten, wie wichtig es für ihn ist, bescheid zu wissen und sich auszukennen, waren wir unsicher, wie weit wir ihn damit „belästigen“ sollten. Was war wichtig, was war ausreichend, was gerade gut genug. Und was war vollkommene Überforderung für ihn?

Später dann, also in den letzten Monaten, im gesamte letzten Jahr eigentlich, wurde ich immer besorgter. Herr Klein schien mir schwermütig, verschlossen, dann wiederum unruhig und überdreht. Er war oft unsicher und wirkte verängstigt. Ich wusste nicht, was davon ganz normal und entwicklungsbedingt war. Hatte ich mir doch aber geschworen, ihn gut im Auge zu behalten. Was also tun?

Wir begannen im Herbst mit sensorischer Integration. Das half ihm körperlich. Er begann sich mehr selbst zu spüren, setzte vermehrt seinen Körper ein, testete seine Kräfte aus. Er wurde etwas ruhiger und schien ausgeglichener. Aber er war weiterhin verschlossen, verängstigt, unsicher. Mein Versuch, seine Herzgeschichte bildhaft aufzuarbeiten, blieb bisher komplett unbeachtet. Ein Thema, auf das er nur mit Daumenlutschen oder deutlicher Ablehnung reagiert. Vor wenigen Wochen begegnete ich dann im letzten Modul des Pikler Grundkurses einer Frau, deren Sohn ebenfalls einen schweren Start ins Leben hatte. Und sie hatte mit ihm gerade den Kinderarzt Dr. Schaller in Salzburg besucht. In dem Moment war mir klar, was zu tun war. Ich ließ mir seine Nummer geben und rief den bereits pensionierten Kinderarzt an, vereinbarte einen Termin und so fuhren wir gestern zu einem Tagesausflug nach Salzburg.

Ich war nervös und unsicher. Immer wieder fuhr es mir durch den Kopf: Ist er nicht nur ganz normal? Einfach schüchtern und sensibel? Dr. Schaller hatte am Tag zuvor noch gebeten Mutterkindpass und einen Befund aus dem Krankenhaus mitzubringen, damit er sich ein Bild darüber machen kann, „was der Arme denn schon erlitten hat.“ Wieder dachte ich: „Nichts, nur eine einfache Herz OP, eine Routinegeschichte. Gibt viel schlimmere Fälle.“

Doch nur wenige Minuten, nachdem wir bei Dr. Schaller im Haus waren, war mir bewusst, dass wir zurecht dort waren. Dass es sinnvoll gewesen war, die Reise auf uns zu nehmen. Wir erzählten ihm die komplette Lebensgeschichte, von der Schwangerschaft über die Geburt (die er auch als sehr viel wesentlicher einstufte, als ich bisher) bis hin zur Herz OP und am Ende noch aller weiterfolgender OPs von Herrn Klein. Und zwischendurch hielt Dr. Schaller immer wieder inne und sprach zu Herrn Klein: „Und jetzt sage ich Dir, was mir Deine Eltern gerade erzählt haben…“ Und dann hat er ihm anhand von Bildern in einem Anatomiebuch für Kinder (dass wir extra mitbringen sollten) seine Lebensgeschichte erzählt. Ganz klar, ganz deutlich, ganz ehrlich. Und ich sah, wie es Herrn Klein schwer viel dabei zu bleiben. Er verkroch sich in seinen Daumen und versuchte, sich aus der Welt zu beamen. Vielleicht gelang ihm das auch und es war auch ok. Immerhin ein natürlicher Schutzmechanismus. Aber die Worte, die gesprochen wurden, sind sicher, ganz sicher, bei ihm angekommen. Vielmehr: Sie sind nicht von uns gekommen. Denn wir als Eltern, wir wirken in unseren Worten oft doppelt schwer. Es schwingen unsere eigenen Emotionen mit. Hier hat er alles aus zweiter Hand erfahren, ganz neutral. Von einem Arzt, der seine Geschichte ernst genommen hat. Der ihn ernst genommen hat. Und ihn in den Mittelpunkt gerückt hat. Der nicht nur mit uns über Befunde geredet hat, sondern über die Befunde mit uns allen über die Emotionen, die wir alle erlebt haben.

Es war kein leichter Besuch, dennoch hat er mich erleichtert. Auch wenn die eigentliche Arbeit noch bevor steht: Besuche im Geburtskrankenhaus, auf der Herzstation, der Intensivstation und möglichst nahe dem OP Bereich. Aber ich bin überzeugt, dass es ihm und uns und vor allem uns allen helfen wird, diese seine Geschichte aufzuarbeiten und so in unser Leben zu integrieren, dass sie ein Teil ist, und zwar ein lebendiger, und nicht dieser taube, dumpfe, der er bisher war.

„Wir vergessen all das, was wir ganz am Anfang erlebt haben. Aber unser Körper, der vergisst das nicht. Und deshalb erzähle ich es Dir.“ (Dr. Schaller zu Herrn Klein)

Ich werde sicher berichten, wie es uns weiter ergeht. Und auch darüber, was es bedeutet, Kindern ihre eigene Geschichte zu erzählen. Doch für heute brauche ich Ruhe und Schlaf. So ein Kinderarztbesuch der Extraklasse zehrt an vielen Energiequellen im Körper. Gute Nacht.

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Comments

  1. Danke für das Teilen Eurer Erfahrung. Oft lese ich still mit, aber deine Worte haben mich sehr berührt und mir neue Impulse gegeben. Ich bin sprachlos. Danke.

  2. „Jeder soll seine Geschichte kennen“ … ja, das meine ich auch.
    Eigenartigerweise löst alleine das Kennen (das Wissen) seiner Geschichte schon gaanz viel. Es ist, als wäre ich/mein Wesen durch das Nichtkennen meiner Geschichte wie mit einem Gummiband mit dem Unklaren und diffusen Knäuel von Teilwissen verbunden. So lange tritt Spannung (emotional und auch körperlich spürbar) auf, solange die eigene Geschichte nicht klar ist.
    Darum macht mir dein Artikel auch so Sinn. Es den Herren und Frauen Klein zu erzählen zeigt, dass es einen Teil von uns gibt – auch wenn wir sehr klein sind – der fähig ist zu verstehen und begreifen.
    An den Ort des Geschehens zu gehen, mit all seinen Gerüchen und Schwingungen, das verstärkt das Ganze sicher massiv und ermöglicht, glaube ich, die tiefsten Erinnerungsschichten anzusprechen.
    Das ist total spannend und hoffnungsvoll :-)
    Herzliche Grüße
    Elisabeth

  3. Sehr berührend liebe Nadine.
    Dieser Arzt scheint ein unglaublich wunderbarer Mensch zu sein, wie es sich liest, kann er auf einzigartige Weise die Kinder „abholen“ und berühren. Mit scheint dass Ihr einen wichtigen Schritt in eurer Bewältigung gehen konntet.
    Es ist so schade, dass es nicht mehr solche Menschen gibt, was könnte man doch bewegen.
    Ich musste auch sehr viel nachdenken nach diesem Beitrag liebe Nadine.
    Mein Löwenjunge und ich hatten eine nicht so schöne Geburt und eine anstrengende erste Zeit. Er ist so wundervoll und doch habe ich das Gefühl, dass da irgendwie was ist. Vielleicht muss ich mal noch mehr in diese Richtung sehen. Danke Dir dafür.
    Tanja

  4. Ich danke dir für diesen Blogeintrag!
    Nachdem ich heute einen tollen Tag hatte, habe ich mir in meiner kleinen Verschnaufspause erlaubt, ein bisschen zu stöbern und bin Dank meines Referatsthema Montessori schließlich auf deinen Blog gelandet…
    Und irgendwie fühlt es sich an, als komme er zum richtigen Zeitpunkt; vielleicht zu viel von kosmischer Erziehung gelesen oder die letzten Wochen Yoga haben etwas in mir bewirkt. Denn während des Lesens deines Artikels (insbesondere das Zitat von diesem wunderbaren Menschen / danke Andrea für diese Worte!) habe ich eine leichte angenehme körperliche Erfahrung gemacht und doch erschreckt es mich nicht. Es fühlt sich gut an, ich fühle mich „glücklich“, ich bin zuversichtlich. Ich vor einem Jahr war genau das Gegenteil. Und deshalb bedanke ich mich umso mehr, dass ich dich lesen durfte.

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