Ich will das nicht !

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn ich als Kind etwas gern wollte und das auch so ausdrückte, wurde mir immer gesagt: “Das heißt ‘Ich möchte bitte!'”. Und so prägte sich das Wort wollen immer mehr als negativ in meinem Kopf ein. Und nun habe ich eigene Kinder und möchte mit ihnen klar aber gewaltfrei kommunizieren. Das hieß für mich eben auch, das Wort wollen weiterhin zu vermeiden.

 

 
Nun waren wir kürzlich aus verschiedenen Gründen bei Mag. Daniela Pichler-Bogner zur Familienberatung. Neben den unzähligen Erkenntnissen entdeckte sie, dass unsere Kommunikation mit Herrn Klein sehr ambivalent war. Ein “Hör bitte auf damit!” oder “Ich möchte nicht, dass Du mich haust.” ist für die eigentliche Nachricht, die dahintersteckt, zu schwammig und höflich ausgedrückt. Denn was ich doch in dem Moment, in dem die kleinen aber kräftigen Kinderhände auf mich eintrommeln, fühle, ist: “ICH WILL DAS NICHT!”

Und genau das kann ich auch sagen. Das hat nämlich nichts mit gewaltvoll zu tun. Es ist eher klar, deutlich und in kurzer Knappheit sehr verständlich. Wir sagen ja einem Fremden in der U Bahn, der uns körperlich zu nahe kommt und drängelt nicht: “Könnten Sie bitte aufhören so zu drängeln? Ich möchte das nicht.”

Manchmal, vor allem wenn wir uns zu sehr damit beschäftigen, wie wir respektvoll und einfühlsam mit unseren Kindern kommunizieren und leben wollen, landen wir in einer Art “Überempathie”. Wir versuchen so sehr zu verstehen, was das Kind gerade tut und warum, dass wir vergessen, was auch menschlich und uns selbst gegenüber einfühlsam ist. Nämlich auch auf uns zu achten.

Ein Beispiel: Ich war mit Herrn Klein vor einiger Zeit, als ich schwanger war, im Büro um mit meinen Kollegen etwas zu besprechen. Das Büro liegt im 1. Stock. Als wir gingen, wollte Herr Klein unbedingt allein die Stiegen hinuntergehen. Kein Problem. Ich trug seinen Buggy. Weil er nicht sonderlich schnell unterwegs war, überholte ich ihn mitsamt Buggy, weil der mir auf Dauer zu schwer wurde. Herr Klein tobte. Der Buggy durfte auf keinen Fall VOR ihm unten ankommen sondern ich sollte damit oben warten, bis er selbst unten war. Ich hatte nun aber weder Lust noch Energie hochschwanger mitsamt Buggy wieder hinaufzugehen. Was ich aber sagte, war: “Ich verstehe, Du wolltest gern, dass der Buggy oben wartet.” Verzweifeltes Schreien. “Buggy wieder rauf!!!” “Du willst jetzt unbedingt, dass ich den Buggy wieder rauftrage. Ich möchte das aber nicht.” “Buggy wieder raaaauuuf!!!” Schreien. Toben. Kurz überlegte ich tatsächlich, wieder hinaufzugehen. Mein Bauch verweigerte das aber. Ich wiederholte die oben genannten Sätze. Herr Klein wiederholte sein Toben und Schreien. Bis ich (natürlich) die Geduld verlor, Herrn Klein schnappte und die letzten Stufen hinuntertrug, in den Buggy setzte und kämpfend anschnallte. Danach weinte er, ich war erschöpft und fühlte mich elend.

Was es gebraucht hätte? Ein einfaches “Du willst den Buggy wieder da oben haben. Das ist mir zu anstrengend. Ich will, dass Du jetzt runterkommst.” Ruhig. Klar und deutlich. Aber bestimmt. Zu viel Empathie führte hier zu Ausreizung meiner Geduld und Nerven. Und für ihn zu der ambivalenten Nachricht “Sie versteht mich, aber sie handelt nicht entsprechend.” Gebracht hat es uns beiden nichts.

Oft trauen wir unseren Kindern eine gewisse Ablehnung nicht zu. Wir haben Angst, dass sie mit dem Nein nicht klarkommen. Vor allem, wenn es ein Nein ist, weil wir etwas nicht wollen, weil etwas unsere Grenzen erreicht hat und nicht, weil etwas für sie zu gefährlich ist oder tatsächlich nicht zumutbar. Aber wie schon im letzten blogpost gesagt, wollen Kinder authentische Eltern, die klar formulieren, was ihnen wichtig ist. Nicht über eine Höflichkeitskurve, sondern geradeaus. Durch die Mitte aus dem Bauch heraus.

In unserer Gesellschaft werden wir immer mehr auf Höflichkeit und Diplomatie getrimmt. Wir beugen uns vielen Unannehmlichkeiten und lernen recht früh, unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Umso wichtiger ist es, das wir da, wo wir wirklich wir selbst sein können und es – zum Wohle unserer Kinder – auch sein sollten – ganz authentisch sind. Und einfach mal sagen: “Das will ich nicht!”
Und wenn man das einmal gemacht hat, merkt man, wie gut das tut. Wie der Körper mitschwingt bei diesen Worten und die innere Abwehr untermalt. Oft fühle ich dann die jahrzehntelange Unterbindung des Wortes wollen wie einen zu eng geschnallten Ledergurt von mir fliegen. Befreiend ist das.

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Comments

  1. Wieder einmal eine wunderbar auf den Punkt gebrachte Erinnerung an das, was ich in der Theorie zwar weiß, aber in der Praxis oft noch zu wenig umsetze. Ich muss ein “Ich will das nicht!” förmlich aus mir heraus würgen, weil ich es immer noch nicht fassen kann, dass etwas, was jahrelang verboten war zu sagen, plötzlich völlig OK ist. Nicht nur das, nein, sogar wichtig und erforderlich!

    • Ach, gerade im Elternsein liegen Theorie und Praxis oft sooooo weit auseinander… Und dazwischen Müdigkeit und Ungeduld und ach so vieles mehr…

Trackbacks

  1. […] Es klingt so einfach. So banal. Aber es ist gar nicht so schwer in die Schiene zu rutschen, auf der man plötzlich zum Entertainer für das Kind wird. Zur wesentlichen Stimulation und Impulsgebung. Es gilt wieder einmal auf sich selbst zu achten. Und ein “Ich hab jetzt keine Lust.” genauso zuzulassen wie ein “Ich will das nicht.”  […]

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