Erkenntnisse der Woche – Gewaltfreie Kommunikation macht mich aggressiv

Bumm. Nun hab ich es gesagt. Ganz ehrlich.

Ich weiß nicht, wie es kommt, dass ich dem immer mehr begegne. Ob es ein Trend ist oder nicht. Sicher ist es bitter nötig, denn wenn man alles immer nur „zum kotzen“ findet und sich gegenseitig Vorwürfe macht, dann werden Probleme und Konflikte auch nicht gelöst.

Was mich stört und wirklich rasend macht, ist, wenn Phrasen aus der gewaltfreien Kommunikation verwendet werden, ohne dass gewisse grundlegende Regeln der Kommunikation beachtet werden. Da höre ich viel zu oft in Diskussionsrunden ein „Ich verstehe was Du sagst, aber…“ Und im weiteren erkenne ich, dass eben das, was ich gesagt habe, gar nicht verstanden wurde. Weil es gar nicht interessiert hat. Weil unterwegs das Zuhören verloren gegangen ist und stattdessen schon die eigenen Argumente vorformuliert wurden.

Ich bin da sehr empfindlich. Ich hasse es, wenn man mich im Reden unterbricht. Und dann hasse ich es noch mehr, wenn dann das, was ich sagen wollte, aber nicht dazu gekommen bin, noch umgedreht und verquirlt wird mit den Meinungen meines Gegenübers. Nur weil der meinte er hätte nach 3 Worten schon „verstanden“ und gewusst, worauf ich hinaus wollte. Das hat nix mit gewaltfreier Kommunikation zu tun. Das ist achtloses Diskutieren ohne Ziel.

Ich denke einfach, dass alle, die sich der gewaltfreien Kommunikation annehmen wollen (und alle anderen eigentlich auch), eines lernen sollten: Zuhören und Ausreden lassen. Dann kann man sich so viele weitere Diskussionen ersparen. Und noch eins: Dauerhaftes Nicken (womöglich untermal von ständigen „Mhm.“) als Zeichen des dauerhaften Zuhörens machen rasend. Das wirkt automatisiert und keineswegs dem Gespräch folgend. Es stresst, weil man das Gefühl hat, der Gegenüber weiß eh schon alles, was man sagen will und man langweile ihn.

Also gut, vielleicht ist es nicht die Gewaltfreie Kommunikation per se, die mich aggressiv macht. Sondern eher der krampfhafte, unauthentische Versuch der Anwendung dieser, und die dabei in erster Linie aufgesetzte verbale Kommunikation. Anstatt erst einmal genau und achtsam zuzuhören. Bis. zum. letzten. Wort.

So. Da habt Ihrs! Guten Abend.

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Comments

  1. Hallo, ich kann Ihre Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation leider gut nachvollziehen. Ich finde es sehr schade, das die GFK häufig wohl so ¨daneben¨ vermittelt wird. Für mich hat das auch wirklich nichts mit GFK zu tun, sie wird aber leider oft so missverstanden, dazu habe ich auf unserem Blog, falls es Sie interessiert, einiges veröffentlich: http://nvc-trainer-akademie.com/2011/02/wie-sagt-man-es-gewaltfrei-2/
    Dann wünsche ich Ihnen in Zukunft mehr der angenehmen Erfahrungen mit oder ohne GFK :o)
    Viele Grüße, Markus Sikor

  2. Hallo, ich freu mich zwar, dass Gewaltfreie Kommunikation immer bekannter wird, meistens wird aber der Name dafür verwendet, ohne dass Menschen tatsächlich wissen, was Marshall Rosenberg damit gemeint hat – nämlich aufrichtigen, authentischen Dialog und nicht Phrasenverwenden. (Wenn überhaupt Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg gemeint ist, manchmal wird nur gesagt, es sei „gewaltfreie Kommunikation“, wenn Menschen versuchen, verständnisvoll zu sein … mehr oder weniger authentisch… oder noch schlimmer, wenn sie ihren Ärger unterdrücken und leise und nett sprechen, so nach dem Motto: jaja, weiß ich eh, bin eh gewaltfrei, da brauch ich doch keinen Kurs dazu! :)
    Wenn jemand wirklich herausfinden will, was „Gewaltfreie Kommunikation“ ist und kann, find ichs wichtig zu schauen, ob du es tatsächlich mit jemandem zu tun hast, der/die sich wirklich ausführlich damit beschäftigt hat. TrainerInnenlisten zu finden auf http://www.cnvc.org oder in Österreich auf http://www.gewaltfrei.at.
    Ansonsten findet mans eh schnell heraus, ob das jetzt ehrliches Verständnis und Zuhören ist (was man an sich in einem guten GFK-Kurs lernt :)
    oder aufgesetzte Phrasen.
    „Versteh ich eh, aber…“ tät mich jedenfalls auch auf die Palme bringen.

    Gerne lese ich die BGFK (Beinahe Gewaltfreie Kommunikation)-Cartoons von Sven Hartenstein. Viele Beispiele, wie man Kommunikation und GFK missverstehen kann. Wirklich lustig!

    herzliche Grüße aus Wien
    Gabriele

  3. Also, dass die Gewaltfreie Kommunikation, wie sie heute gelehrt und angewendet wird, wenig bis nichts mehr mit der ursprünglichen Idee von Rosenberg zu tun hat, dürfte ja hinlänglich bekannt sein.

    GFK wird – so wie ich sie kenne – als Strategie verwendet, um einerseits eigene, ungelöste Aggressionsthemen, andererseits in der Kommunikation das Gegenüber in einer Art emotionaler, watteartiger „Wohlfühlpackung“ zu ersticken. Je nach Fortschrittsgrad der Ausbildung bekommt das Gegenüber diese Strategie mit, bzw. begibt es sich in die „angenehme, mütterliche Geborgenheit“, an dessen Ende sich jedoch Individualisierung in einer gallertartigen Masse auflöst – auch wenn es das Gegenteil zu sein scheint.

    Naja – scheint ein genereller Trend unserer Zeit zu sein…

      • ohje, das find ich schade…
        und ist zum glück nicht so („dass die Gewaltfreie Kommunikation, wie sie heute gelehrt und angewendet wird, wenig bis nichts mehr mit der ursprünglichen Idee von Rosenberg zu tun hat)
        man muss nur gut schauen, mit wem und bei wem man lernt…
        s.o.

        Listen von TrainerInnen bei cnvc.org und http://www.gewaltfrei.at, dort kann man davon ausgehen, dass drin ist, was drauf steht… die meisten der TrainerInnen des CNVC haben von und mit Marshall selbst gelernt.

        und ansonsten merkt mans eh an der Qualität: ist es kraftvoll und beziehungsfördernd –> Gewaltfreie Kommunikation… ist es nervig und seltsam –> selbergestrickter Irrtum, der mit diesem Namen bemascherlt wird (leider!))

        auch ein bisschen überspitzt, ähem ;-)

  4. wow. Endlich sagt das mal jemand! Das geht mir ganz genauso :-)

    Und eigentlich wollte ich hier nur mal vorbeischaun, weil Twitter mir sagte, du seist interessant :-) Twitter hat recht. Möchtest du bei blogf.de mitmachen? Würde mich sehr freuen!

  5. Wir haben im Soz-Päd-Studium einen Supertrainer gehabt – einhellige Meinung sämtlicher Kommilitonen und Professoren. Also gehe ich mal davon aus, dass sich das nur für mich so ätzend angefühlt hat. Mich macht’s trotzdem so aggressiv, dass ich damals das Seminar nach der Hälfte abgebrochen habe und nebenbei gelernt hab, Aggression körperlich abzureagieren. (Nachdem ich vorher 26Jahre lang nicht das Bedürfnis hatte.) Ich glaube, bei ihm war da auch eine Haltung hinter, aber GFK heisst für mich immer in erster Linie, dass sich jemand weigert, sich mit mir zu streiten, obwohl ich vielleicht einen guten Grund habe. Das ist das gleiche Gefühl, wie wenn jemand, der körperlich stärker ist als Du, deine Handgelenke festhält, wenn du ihn schlagen willst. und ganz ehrlich. Wenn mir jemand mit einer noch so durchdachte, verständnisvollen Ich-Botschaft auf was auch immer antwortet, könnt ich mitten in die Fresse…

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