Erkenntnisse der Woche – Ein Plädoyer gegen die „Trotzphase“

IMG_0724Immer häufiger kommt es vor, dass Frau Klein morgens fürchterlich traurig, wütend und verärgert wird, wenn der Liepste und Herr Klein sich auf den Weg in den Kindergarten machen. Sie will mit. Sie steht an der Tür und will raus, lässt den Papa nicht los und weint. Wenn ich sie hochnehmen will, schreit sie noch mehr und strampelt mich weg. Manchmal legt sie sich auf den Boden und weint dort, haut mit dem Kopf auf den Boden. Dann irgendwann will sie auf meinen Arm. Dort tobt sie weiter. Will runter, aber das eigentlich auch nicht. Sie will dann an die Brust, oder die auch nur anschreien. Es dauert, bis sie sich beruhigt oder von mir beruhigen lässt. Doch meist ist sie dann wieder ruhig und ausgeglichen.

Aha, Trotzphase, mag man nun sagen. Aber ich mag das Wort aus vielen Gründen nicht. Zum einen, weil ich selbst ein sehr „trotziges“ Kind war, ein sturer Bock auch gern genannt, und mir das heute noch sehr negativ im Ohr hängt. Zum anderen, weil es suggeriert, dass die Kinder hier absichtlich den Eltern das Leben zur Hölle machen. Vieles wollen sie, aber das sicher nicht.

Es ist ja auch gar nicht so, dass Frau Klein unbedingt in den Kindergarten will. Sie will einfach auch da hinaus, irgendwo hin. Teil sein von dem Ritual der beiden anderen. Sie ist ja eine halbe Stunde später wieder ganz sie selbst, spielt zufrieden und plaudert vor sich hin. Bis ihr wieder etwas begegnet, was sie nicht kann, nicht darf oder nicht will.

Was ich in diesen Momenten sehe ist kein Trotz. Ich sehe hier großen Ärger, Wut und viel Verzweiflung. Weil Kinder in dem Alter einfach gefangen sind zwischen Wollen und Nichtkönnen, zwischen Klein und Groß, zwischen Sein und Werden.

Das heißt nicht, dass ich ihr nun jeden Wunsch erfülle und alles erlaube, damit sie nicht wüten oder toben muss. Natürlich muss sie erfahren, dass sie dieses oder jenes nicht darf, einiges nicht kann oder nicht will, was sie soll. Aber das lernt sie nicht, indem ich sie nun ignoriere, sie anschreie oder zurechtweise. Das lernt sie am besten, wenn ich ihr vermittle, dass ich hier bin, in der Nähe, die sie erreichen kann, wenn sie mich braucht. Dass ich sie hier und da verstehe, dass ich ihren Ärger selbst aus Erfahrung kenne. Dass sie nicht allein ist mit ihren Gefühlen. Das ist nicht immer leicht, nein. Und es gelingt mir auch nicht immer. Aber abzuwinken und zu sagen „Trotzphase, müssen wir durch. Alle.“ macht es uns nicht leichter. Im Gegenteil. Es treibt uns nur weiter auseinander, sorgt dafür, dass wir nebeneinander, statt miteinander dahinsegeln.

Wenn ich zur Post gehe, um ein Paket zu holen, dieses aber mit meiner Jahreskarte nicht bekomme, weil sie heute auf den Reisepass als Lichtbildausweis bestehen, möchte ich mich auch auf den Boden werfen und toben. Weil ich das Paket haben will, weil ich bis zur Post gelatscht bin bei der Hitze mit 2 Kindern im Gepäck. Und weil ich nun noch einmal kommen muss. Wenn dann jemand sagt, ich soll mich mal nicht so anstellen, dann schreie ich sicher noch lauter, dass ich mich aber anstelle weil ich sauer bin und wütend und genervt. Und dass ich weiß, dass mir das jetzt nichts bringt, es mir aber einfach jetzt hilft, diese Wut rauszulassen. Nun gut, ich schreie natürlich nicht, wüte nur noch eine weile vor mich hin, aber auch nur, weil ich gelernt habe, mit diesen Gefühlen umzugehen. Irgendwie. Mehr oder weniger. Kinder können das noch nicht. Sie können oft nicht einmal verbalisieren, was genau sie jetzt wollen. Oder eben nicht wollen. Können oder Nicht können. Nicht dürfen oder sollen.

Vielleicht sollten wir also alle eine ärgerliche, wütende oder verzweifelte Ich-will-kann-aber-nicht-Situation aus unserem Leben in der Hosentasche tragen. Und diese herausziehen, wenn wir unser Kind mal wieder nicht verstehen. So ein wenig Einfühlungsvermögen hilft da sehr. Nicht nur unserem Kind, das sich dann verstandener fühlt, sondern auch uns, dass wir überhaupt erst einmal verstehen, was jetzt los ist. Dass unser Kind eben nicht schreit und tobt und wütet, um uns das Leben für ein bis zwei Jahre schwer zu machen. Sondern dass es eben da festsitzt in diesem Entwicklungsschiff, dass immer weiter treibt, Welle für Welle neues über Bord schwappt aber noch lange nicht am Ziel ist. Am Ziel „Mitmachen, selber machen, selber können“. Aber wir können es immer wieder in sichere Hafen ziehen, einen wilden Sturm dort abwarten und es dann wieder aufs Meer hinauslassen. Ohne das Tau zu fest oder zu locker zu lassen. Dann können wir gemeinsam segeln. Durch diese Phase. Denn ja, eine Phase ist es, aber keine trotzige. Eine anstrengende, ja. Aber nicht nur für uns anstrengend, sondern auch für unsere Kinder. Besonders für unsere Kinder.

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