Einfach mal die Klappe halten

Unlängst stieg ich mal wieder mit Herrn Klein in eine U-Bahn, in der eine Frau ihre Meinung zu seinem Daumenlutschen kundtun musste. Nicht nur mir gegenüber, auch ihm direkt gegenüber. Ich bin das allmählich gewohnt und ich bin mir auch bewusst, dass das nicht weniger wird, je älter er wird. Weil es so immer auffälliger scheint. 

Selten reagiere ich darauf. Meist wende ich mich nur ihm zu und versuche ihm zu zeigen: „Alles ok. Du bist ok.“ Manchmal reden wir später darüber. Mit den Menschen diskutiere ich darüber nicht. Wenn sie mir von irgendwelchen Horrorerfahrungen berichten, erkläre ich ihnen, dass ich bis zum 14. Lebensjahr Daumen gelutscht habe. Das nimmt ihnen schnell mal die Sprache und wir haben unsere Ruhe.

Aber es geht mir eben nicht darum, die Leute zum Schweigen zu bringen oder sie zu bekehren. Es geht mir darum in diesem Situationen bei meinem Kind zu bleiben. Denn ihn betrifft’s und über kurz oder lang auch Frau Klein, denn sie lutscht ebenfalls leidenschaftlich am linken Daumen. Aber es geht mir auch nicht ums Daumenlutschen hier. Sondern darum, dass es auch gut tut, einfach mal die Klappe zu halten. Nicht nur von Seiten derer, die ihre Meinung schnell hinaus posaunen, sondern auch von meiner Seite, dass ich mich nicht auf jede Diskussion einlasse und mir meine Energie somit spare.

„Man braucht zwei Jahre um sprechen zu lernen und fünfzig, um schweigen zu lernen.“ Ernest Hemingway

Auf beiden Seiten zu schweigen musste ich erst lernen. Wenn man nämlich von etwas überzeugt und begeistert ist, dann möchte man gern mal die ganze Welt bekehren und allen erklären, wie sie was doch viel besser, richtiger und tollerer machen. Damit bin ich einige Male angerannt, habe meine erschrockene Nase wieder gerade gebogen und mein Gehirn geschüttelt. Seitdem bin ich ruhiger geworden. Ich begegne natürlich oft Menschen, die ganz anders leben, handeln und eben auch ihre Kinder ganz anders begleiten als ich. Aber ich bin keine Missionarin. Ich bin Familienbegleiterin und helfe da, wo Rat gewünscht ist. Denn da und nur da, kommen meine Worte an, werden sie dankbar aufgegriffen und im Kreis gedreht und überdacht. Niemand will gute Tips hören, wenn er gerade mitten im Tun ist. Wir wissen nicht, ob die Menschen immer so reagieren, wie in diesem Moment, wir wissen nicht, wie es ihnen gerade geht, dass sie so reagieren. Wir sehen Momente und urteilen schnell. Leider oft auch verbal.

„Niemand ist empfänglich für Kritik, wenn er frustriert ist.“ Jesper Juul

Gleichzeitig glauben viele, man müsse sich rechtfertigen. Das könne man sich doch schließlich nicht gefallen lassen, was die anderen da so sagen. Man müsse bekehren, belehren und erklären. Einfacher ist es jedoch, anzunehmen, was andere zu sagen haben. Es vor dem Kopf festzuhalten und gefiltert hinein zu lassen. Sich seiner eigenen Meinung dazu bewusst zu sein. Und zu akzeptieren, wo eine Diskussion keinen Sinn macht. Vor allem mit Fremden nämlich nicht. Der Hang zur Rechtfertigung steckt tief in uns drin. Er rührt oft aus einem Mangel an Selbstvertrauen her. Denn warum sonst habe ich das Gefühl, ich müsse meinem Gegenüber jetzt unbedingt darlegen, was meine Beweggründe, meine Gedanken und meine Erfahrungen sind? Weil wir nicht ertragen können, dass das Bild, das andere in dem Moment von uns haben nicht gefällt. Dass wir somit nicht gefallen könnten.

Natürlich gibt es nährende Diskussionen, in denen ich aus einem Zwiegespräch mit anderen auch neue Standpunkte mitnehme und neue Sichtweisen erfahre. Aber wenn diejenigen, die ihre Meinung kund tun, an so einer Diskussion interessiert sind, dann erkennt man das schnell an der Art und Weise, wie sie ihren Ausgangspunkt darlegen. Fragend? Verwundert? Vorsichtig? Hilfsbereit? Oder aggressiv? Bewertend? Urteilend? Belehrend? Es tut gut da erst einmal hinzuhören und dann zu entscheiden, ob es Sinn macht und erwünscht ist, dass wir reagieren.

Vor allem in den sozialen Medien ist es schnell passiert, dass man eine Meinung äußert, diese jemand aufschnappt und sofort darauf reagiert. Schnell entfacht eine Diskussion, es wird hitzig und nicht selten sitzt man hoch pulsierend vor dem Bildschirm. Nach und nach habe ich gelernt, mich da rauszunehmen. Manche finden es schade, weil so meine Meinung außen vor bleibt. Aber ich halte es für wenig sinnvoll, so aufgeregt und angestochen eine Meinung zu äußern. Ich muss auch nicht zu jedem Thema, das gerade kursiert, einen Blogpost verfassen. Nur weil das alle machen und von drei Seiten neun mal die gleiche Meinung dargelegt wird. Ich habe auch längst aufgehört über Themen zu bloggen, von denen ich nichts halte und der Welt zu erklären, warum ich davon nichts halte. Das ist pure Energieverschwendung. Wertvolle Lebenszeit, die ich den Dingen zuwende, von denen ich begeistert bin.

Nein, ich habe gelernt einfach mal die Klappe zu halten. Und nicht selten geschieht es, dass ich dann, nach einer Weile, ganz in Ruhe, eine passende, eine wohlmeinende Antwort oder sogar für mich eine neue Erkenntnis ziehe. Und dann kann ich der Person, die mich ungefragt angesprochen hat, manchmal für diese Erkenntnis auch noch dankbar sein. Ob sie das gewollt hat?

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Comments

  1. Da sprichst Du ein großes Wort gelassen aus! Aber Du hast Recht: An der Art, wie jemand fragt oder diskutiert, merkt man direkt, ob er für einen echten Austausch offen ist oder nur seine Meinung „abladen“ und abgenickt haben will.

    Das ist für mich auch eine große Baustelle, auf die ich dieses Jahr bewusst vermehrt achten will: Die Meinung der anderen über mich und das, was für und wie ich Dinge tue, ist erst mal deren Angelegenheit/Problem und nicht meine (dazu gehört eben das „keine Rechtfertigungen“). Natürlich gibt es einige (ausgesuchte) Leute, deren Meinung ich mir genau anhöre, aber bei der Mehrheit versuche ich mich davon bewusst abzugrenzen und eben wie Du schreibst „auch mal den Mund zu halten“.
    Im Gegenzug versuche ich bei anderen dann aber auch selbst nicht nur „zuzuhören um zu antworten“ (ganz schön schwierig), sondern erst mal das Gesagt im Ganzen aufzunehmen und mir genau zu überlegen, was ich wozu noch sagen sollte/will.

    Kurz: Schöner Artikel und danke für die Erinnerung, da wieder verstärkt drauf zu achten!

    Wünsche euch einen guten Start in das Wochenende!

    Lieben Gruß
    Katharina

  2. Aus tiefstem Herzen: DANKE! <3

    Nicht nur dafür dass du jetzt, hier, deine Meinung gesagt und mich hast teilhaben lassen, sondern auch dafür, dass du mir schon oft neue Impulse gegeben hast. Ich merke oft wie ich Gedanken umherwälze und nach Tagen, Wochen nochmal aufgreife, nur weil ich in einem deiner Beiträge über deine Erfahrung, deine Sichtweise, deine Erkenntnis "gestolpert" bin. Ich mag das sehr. Kleine "Stachel" bleiben hängen, reifen, und erweitern meinen Horizont.

  3. Mir geht es tatsächlich so, dass ich deine Meinung oder Erfahrung immer besonders gern lese in Diskussionen. Aber ich verstehe gut, dass du sie nicht immer teilst.

    Einen sehr weisen Text hast du hier geschrieben.

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