Du bist Ich – die größte Herausforderung meines Lebens.

Mit rasanter Geschwindigkeit wurdest Du in unser Leben geschleudert. In weniger als 2h hast Du Dich auf den Weg zu uns gemacht, mit der Saugglocke aus mir herausgezogen lagst Du plötzlich schreiend auf mir, als ich gefühlt noch kaum die Wohnung verlassen hatte. Um 1.23Uhr, um Deinem Mathematikerpapa eine Zahlenfreude zu machen. Seitdem hast Du unser Leben beglückt, beängstigt, bereichert und erfreut. 

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Die Diagnose Herzfehler war die erste große Herausforderung, die Du an uns gestellt hast. An mich, die Sorgen in sich trägt, wo es keine gibt. Die Schwarzmalerin. Die Pessimistin. In mir hast Du den schmerzhaftesten und schlimmsten Nerv getroffen. Wie ich das erste halbe Jahr bis zur Herz OP mit Dir geschafft habe, ist mir heute, wo wieder ein Baby neben mir liegt – so unschuldig, neu und zart – ein Rätsel. Doch wir haben es geschafft. Irgendwie. Alle 3 gemeinsam und nur miteinander.

Immer wieder hast Du Dich dann verletzt, wenn meine Sorge es ahnte. Aufgeschlagene Lippen oder zu operierende Armbrüche. Immer dann, wenn ich es heraufzubeschwören schien. Und hast mir gezeigt: Mama, hör auf mit dem Quatsch. Du holst das Negative damit in Dein Leben. Lass es los, lass mich los. Lass mich ziehen und vertraue, dass mir nichts passiert. Und so lasse ich Dich. Stück für Stück. Auf Deinen Weg. Immer weiter, immer lockerer. Du löst Dich, wenn Du bereit bist, Du kehrst zurück, wenn Du uns brauchst. Darauf zu vertrauen habe ich gelernt. Und lerne immer weiter.

Die weitaus anhaltendere Herausforderung, die Du für mich bist ist unser Gleichsein. Du bist ich. Bist mir so ähnlich, dass es manchmal nicht auszuhalten ist, manchmal schmerzt. Du bist stur, wütend, jähzornig. Zu oft krachen wir aufeinander wie zwei Stiere im Kampf. Schreien uns an. Ich mit Worten, Du mit voller Inbrunst. Und wenn ich doch verstehe, was Dich so aufregt, weshalb Du so agierst, wie Du agierst, und weiß, wie ich besser, anders auf Dich reagieren sollte um Dich aufzufangen, zu bremsen, zu halten, so kann ich zu oft doch nicht aus meiner Haut, sondern wüte weiter. Weil ich lange brauche um meinem Wutmantel abzustreifen. Genau so lange, wie ich brauche um meine Gedanken, meine Erwartungen und meine Gefühle zu äußern. Lange und leise nage ich an ihnen, lausche den Rädern in meinem Kopf rattern. Du scheinst das auch zu tun. Wenn Du schweigsam und leise vor Dich hin starrst. Der Daumen Dir als einziger Halt zu geben scheint. Oft möchte ich Dich fragen, was los ist, was Dich beschäftigt. Möchte in Dich blicken. Und weiß doch selbst zu gut, wie sehr mich solche Fragen nerven. Und lasse Dich. Und ganz unerwartet teilst Du uns Deine Gedanken dann mit. Wenn es für Dich passt. “Mama, ich möchte mal ein ganz normaler Mensch sein, wenn ich groß bin.”

Ich mag Deinen ruhigen, sanften Blick aus dem U-Bahnfenster am Morgen, wenn wir beide wortlos nebeneinander in den Kindergarten fahren. Vielleicht verstehe ich Dich manchmal so gut, gerade weil wir uns so ähnlich sind. Nicht nur als kämpfende, tobende Stiere, sondern auch als stumme, schweigsame Regenwürmer.

Ich mag Dein Ich-sein. Du bist wie Du bist, lässt Dich von niemandem zu etwas verleiten, was Du nicht magst. Machst nichts einfach so mit. Bleibst bei Dir und gehst Deinen Weg. Ich habe lange gebraucht um das zu schaffen. Behalte es Dir, es ist eine wunderbare Eigenschaft.

Ich weiß nicht was von Dir ist, was Du immer geworden wärest, auch ohne Herzgeschichte. Ich weiß nicht, was sie aus Dir gemacht hat. Doch heute hier ist das auch egal, denn Du bist, wie Du bist. Und ich liebe Dich so, auch wenn das nicht immer so klar für Dich zu sein scheint. Ich habe viel von Dir gelernt. Und lerne ewig weiter. Weil Du mich immer und immer wieder an meine Grenzen bringst. Durch die vielen Spiegel, die Du mir entgegen hältst. Die mir immer wieder zeigen, wer ich bin. Auf meist nicht ganz unsanfte Weise. Kindlich klar und deutlich. Ehrlich. Mal leise mal laut.

Und egal ob Du mal ein “ganz normaler Mensch” wirst wenn Du groß bist oder nicht. Für mich bist Du immer besonders. Mein Großer. Mein Erster. Meine lebenslange Herausforderung. Mein Herz. Ich kann es nicht immer so zeigen, wie ich mag. Aber ich liebe Dich. So wie Du bist. Wie ich bin. Durch Dich.

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