Weißt du noch – die Geburt unseres Kindes…

Mit fortschreitender Schwangerschaft und den Begegnungen mit anderen Eltern folgt oft immer wieder das gleiche Thema: Die Geburt. Wie und wo werde ich dieses Mal entbinden. Wie und wo habe ich zuvor entbunden und wie habe ich das erlebt? Und all dem folgt meist ein Austausch über die persönlichen Geburtserfahrungen beider Seiten. Nicht nur der meinen. Nicht nur der anderer Mütter, sondern auch der anderer Väter. 

Dabei ist mir besonders eines aufgefallen: Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der gleichen Geburt. Das ist natürlich unvermeidlich. Die Frau erlebt die Geburt körperlich, der Mann erlebt das Ganze – egal wie involviert er ist – von außen. Körperlich vergleichsweise schmerzfrei. Anders emotional. Gezwungener weise distanzierter. Nur dabei, statt mittendrin. Sie erinnern sich an Details, die wir nie bemerkt oder längst vergessen haben. Und waren oft betroffener, als uns bewusst gewesen sein mag.

Aber all das ist auch gar nicht das Auffällige. Das, was mir auffällt, ist, dass es für beide immer ein sehr bewegendes, emotionales, sehr präsentes Thema ist. Eines, bei dem die Männer oft auch ungefragt erzählen, bei dem sie sich mehr einbringen, als bei anderen Themen die sich rund um die Familie oder die Kinder drehen. Aber auch ein Thema, bei dem beide ganz andere Erinnerungen mit sich tragen. Nicht immer nur gute. Und nicht selten unausgefochtene.

Die Geburt eines Kindes ist immer wieder ein einschneidendes Erlebnis. Eines, dass uns ewig in Erinnerung bleibt, egal wie viel wir davon vergessen. Denn das ist einiges und doch bleibt das Wesentliche hängen oder taucht wieder auf, wenn wir es zulassen und die Gespräche und Gedanken dahin lenken. Wir erinnern uns an einzelne Augenblicke, an Gefühle. An einzelne Wortfetzen und Gerüche. An Gesichter und wundersame erste Male. Die Geburt ist aber auch das Erlebnis, dass uns mit denen, die dabei waren, auf gewisse Weise verbindet. Oder – je nach Geburt – für immer distanziert.

Und gerade weil uns dieses Erlebnis auf ewig begleitet, ist es wichtig, dass wir es irgendwann gut und rein mit uns tragen können. Dass wir Wege finden, es so anzunehmen, wie es war. Und loszulassen von Vorstellungen oder Wünschen des Nichterfüllten. Das kann ein langer Prozess sein und es muss nicht immer die gesamte Geburt betreffen, sondern es können einzelne Momente sein, die wir uns anders gewünscht hätten, im Nachhinein am liebsten verdreht hätten. Es können Situationen von vor- oder nachher sein, denn das Geburtserlebnis hört nicht auf mit dem Moment, dass das Kind auf der Welt ist. Es hört auf mit dem Tag, an dem wir unser Leben in Ruhe und im Alltag mit Kind beginnen. Stunden, Tage oder Wochen nach der Geburt – das ist ganz unterschiedlich.

Und – das ist besonders wichtig: Das Geburtserlebnis haben nicht nur wir bestimmt. Es ist zu einem gewissen Teil mit beeinflusst durch die Menschen, die um uns herum waren. Sie haben nicht unbedingt die Geburt bewusst beeinflusst, aber sie haben im Nachhinein das Erlebnis ganz unbewusst mitgestaltet. Durch Worte, an die wir uns erinnern, durch bestimmte (Nicht)Handlungen und ihre (Nicht)Präsenz in gewissen Situationen. Und genau hier ist es wichtig, dass wir mit ihnen gemeinsam ein Erlebnis in uns tragen. Und dazu gehört das Gespräch.

Hebammen machen das oft ganz natürlich. Für sie ist es Teil ihrer Begleitung. Sie fragen nach den Empfindungen und wie die Geburt im Gesamten erlebt wurde. Sie besprechen mit uns die Erinnerungen und Abläufe. Aber was ist mit unserem Partner oder der geburtsbegleitetend Person? In wieweit haben wir mit ihm oder ihr die Geburt ausgesprochen? Denn immer wieder erlebe ich Sätze wie „Na Du hast ja…“ oder „In dem Moment hätte ich Dich…“. Sätze, die mir zeigen, dass in beiden noch viel schlummert und brodelt, was nie gemeinsam besprochen wurde. Oder wenn – dann nicht ausgesprochen, nicht beseitigt und bereinigt wurde. Etwas, dass wir so ewig in uns tragen.

Eine Geburt erfordert im Nachhinein Kommunikation. Wenn wir wollen, dass wir das Erlebnis gemeinsam und in Ruhe abgeschlossen bei uns tragen, dann braucht es den Mut zum Gespräch. Früher oder später. Ein Gespräch, in dem beide die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen, Empfindungen, ihre Gedanken und Wünsche darlegen zu können. Das geht meiner Meinung nach nur, in dem beide einen Moment finden, in dem sie bereit dazu sind zuzuhören. Und das anzunehmen, was der andere zu sagen hat. Einen Moment, in dem nicht sofort zu Rechtfertigung oder Gegenschlag gegriffen wird, sondern in dem achtsam angenommen werden kann, was gesagt wird. Und in dem wir uns sicher und vertraut genug fühlen, um selbst von uns reden zu können.

„Ich weiß nicht, wie oft der Liepste und ich die Geburt von Herrn Klein schon erzählt haben. Sie war für uns beide ein ziemlich schockierendes Erlebnis auf Grund der Geschwindigkeit und Heftigkeit aller Momente dabei. Aber wenn wir davon reden, so habe ich das Gefühl, dass wir von ein und demselben Erlebnis, von ähnlichen Emotionen und Momenten erzählen. Dass wir es beide gemeinsam tragen und somit heute beide auch gut in uns tragen können.“

Wir werden dadurch die einzelnen Wahrnehmungen nicht umkehren können. Wir werden Schmerzen oder Emotionen, Gedanken oder Gefühle nicht verdrehen oder austauschen können. Aber wir haben so die Möglichkeit, einander näher zu kommen, uns durch dieses gemeinsame Erlebnis noch besser kennenzulernen. Und es so – wie unser geborenes Kind auch – gemeinsam getrennt in unseren Herzen zu tragen. Als Teil von uns. Als Teil unserer Geschichte.

Wie habt Ihr die Geburt erlebt und wie erlebt Ihr sie heute noch in Eurer Erinnerung? Habt Ihr sie einmal ganz in Ruhe miteinander besprechen können mit der Person, die Euch dabei am nächsten war? 

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Comments

  1. Wir, mein Liebster, unsere zwei Kinder und ich, hatten das unfassbare Glück zweier wundervoller, mitreißender und atemberaubender Geburten in der Geborgenheit eines Geburtshauses mit der Begleitung der warmen Hände großartiger Hebammen in unseren Rücken!

    Jede dieser beiden Geburten war so individuell und einzigartig wie diese uns seit jenen Momenten begleitenden kleinen GroßenWunderKinder. Unendlich dankbar schaue ich auf dieses Geschenk ein so mächtiges Ereignis in so warmer Erinnerung bei mir tragen zu dürfen – und mit meinem Liebsten immer wieder gerne an diese Stunden und die anschließenden Tage Zuhause im Wochenbett zurück zu denken.

    Auf einer Karte, die ich vor der Geburt unseres zweiten Kindes von einer Hebamme geschenkt bekommen habe, steht „Mein Baby wird sanft in unsere Hände geboren“ – und nachdem eine nicht gewollte Krankenhausgeburt aus gesundheitlichen Gründen bis kurz vor der Entbindung wahrscheinlich schien und uns dann doch noch kurz vor knapp eine außerklinische Geburt ermöglicht wurde, sind wir uns des Glücks zweier selbstbestimmter Geburten umso bewusster.

  2. Bei meiner Großen war der Vater bei der Geburt dabei, die Hebamme die ganze Zeit mit im Raum. Ich fand das sehr ablenkend, ich konnte mich nicht wirklich fallen lassen und so zog sich die Geburt lange dahin.

    Bei meinem Sohn war nur noch die Hebamme mit dabei. Aber auch das war eigentlich zu viel, nicht so ganz richtig für mich.

    Und so habe ich die dritte Geburt ganz allein erlebt (Hebamme war irgendwo im Haus, Kaffee trinken). Ich kann behaupten, dass sie so gut wie schmerzfrei war, zügig, aber nicht zu schnell. Dann aber nur eine Presswehe und das Kind war da. Das war so überwältigend! :-)

    Ich war nach der ersten Geburt ein bisschen entäuscht. Ich hatte mir alles irgendwie anders vorgestellt, doch die zweite heilte das dadurch, dass ich plötzlich viel mehr in meinem Körper war und überrascht und fasziniert war, was dieser alles „leisten“ kann. Ich war nach der Geburt irgendwie stolz – auf mich, auf uns (ich hatte das Gefühl Jona hatte kräftig mitgeholfen).
    Und Nummer 3 war eben einfach schön. Wie ein Wunder. Ein Spaziergang am Morgen durch den Garten meiner Mutter mit Sonnenaufgang (das war tatsächlich so). Daran erinnere ich mich am liebsten. Vielleicht waren in Urzeiten einmal alle Geburten so leicht und naturverbunden, und ich durfte das dieses eine Mal erleben.

    Mal schauen, wie es nun beim 4. wird. Vielleicht noch mal ganz anders?

    LG, Sarah

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