Der Terror der Kinder

Kürzlich war ich mit der Vorgeneration spazieren. Herr Klein wollte sich nicht so recht dem Tempo anpassen und spazierstand an jedem Stein und Blatt minutenlang fest. Anstatt etwas zu sagen, ihn zu drängen, schaute ich ihm begeistert zu. Die Vorgeneration nannte das den „Terror der Kinder“ – die Macht zu haben. Dass Eltern erst zufrieden seien, wenn es die Kinder sind. Und ich dachte mir: „Genau. So ist es.“

Nein, ich bezeichne das nicht als Terror. Aber auch ich bin erst dann zufrieden, wenn mein Kind es ist. Das heißt nicht, dass er jeden Wunsch erfüllt bekommt und machen kann, was er will. Es heißt, dass ich akzeptiere, dass es Momente gibt, in denen unsere vorprogrammierte Meinung oder Einstellung nicht immer wirklich die richtige ist. Denn das ist es doch, was diese sogenannten Machtkämpfe und Trotzanfälle auslöst – das auf Biegen und Brechen nicht abweichen wollen der Eltern von ihrer Meinung. In Situationen, in denen das Kind genau das Gegenteil braucht – Verständnis und Unterstützung. Nein, nicht die Schokolade oder das Spielzeugauto des anderen Buben. Aber die Erlaubnis, genau das unbedingt haben zu wollen, weinen zu müssen, weil man es nicht haben kann. Wütend sein zu dürfen, weil die Mama das Brot halbiert hat, obwohl man die ganze Scheibe wollte, weil die Milch in der blauen Tasse serviert wird, obwohl man die rote wollte. Was ist nun das einfachste? Auf der blauen Tasse beharren, weil man das Theater unnötig und als Terror empfindet? Oder die Milch umschütten und dem Kind sagen, dass man nicht gewusst hat, dass ihm die Farbe so wichtig war.
Im Falle von Herrn Klein ist hier längst nicht Schluss. Er kann sehr wohl nun die rote Tasse wegschieben und die Milch komplett verweigern. Weil er sich so dermaßen ärgert. Dann muss ich lächeln und mich erinnern, wie ich als Kind auf den Mädchenlöffel beharrt habe (der mit Verzierung) und mein Bruder mir den Jungenlöffel (den schlichten) gab und niemand meine Wut und meinen Ärger verstand, ich stattdessen noch für hysterisch und lächerlich gehalten wurde. Aber das ist es genau. Diese kleinen feinen Situationen, in denen wir glauben, die „Übermacht“ behalten zu müssen, weil die Kinder doch lernen müssen sich… ja was eigentlich? Unterzuordnen? Zu folgen? Warum können wir nicht mal einen Schritt zurück gehen, die Situation neu betrachten und feststellen – gut, fahren wir noch ein paar Stationen mit dem Bus. Wenn es Dir so viel Freude bereitet. Kein Termin, kein Zeitdruck – fahren wir von Endstation zu Endstation. Am Ende des Tages liegt ein Kind im Bett, dass kurz vorm Eindösen noch einmal aufschreckt und sagt: „Bus fahn!“ Ein glückliches und zufriedenes Kind.

Nun, der Vorgeneration fällt dieses Denken schwer. Verständlich. Sie haben getan, was sie für richtig hielten. Haben ihrer Meinung nach einen „ganz guten Job“ gemacht in unserer Erziehung und sind seit Jahren und Jahrzehnten in gewissen Mustern eingefahren. Den wenigsten bleiben Zeit und Motivation für Selbstreflexion und neuerliches Nachdenken über Dinge, die sie vor ca. 30 Jahren beschäftigt haben. Auch verständlich. Denn Selbstreflexion kann schmerzvoll sein. Etwas anderes, womit wir oft nicht gelernt haben umzugehen. Schmerz. Egal ob seelisch oder physisch.
Wenn sich Herr Klein barfuß den Fuß an etwas blutig tritt und bei eingehender Untersuchung des Fußes bitterlich weint, betrachte ich das als natürliche Reaktion sowohl auf den Schock des blutroten Fußes als auch die besorgten Blicke der Eltern , die ihn untersuchen. Nicht zu vergessen den eventuellen Schmerz im Fuß. Die Vorgeneration sieht es als übertriebenes Aufmerksamkeitsgebettel und meint, dass bis zur Hochzeit eh alles wieder gut wäre. Oft ist es das auch, nur sind bis dahin andere Dinge „kaputt“, die wesentlich schwerwiegender zu heilen sind.

Doch bevor ich nun der Vorgeneration ein großes Schuldschwert umhänge, möchte ich sie in Ruhe lassen. Selbst begebe ich mich nur äußerst selten in Diskussion mit ihnen, da ich ihre Position ein wenig versuche zu verstehen. Oder zu akzeptieren.

Leider gibt es nur noch immer sehr viele Eltern, die ebenso der Meinung sind, ihre Kinder würden sie manipulieren wollen, ihnen auf der Nase herumtanzen, wenn sie nicht streng „dahinter wären“ und dass Kinder sowieso erzogen gehören, damit aus ihnen „etwas“ (was eigentlich?) wird. All diesen Eltern wünsche ich, dass sie eines Tages die gleiche Entspannung erleben, die ich erlebt habe, als ich festgestellt habe, dass ich mein Kind zu nichts erziehen muss. Dass ich eigentlich gar nichts muss, außer einerseits mir und meinen wahren Prinzipien treu bleiben (und denen meines Partners, aber das ist ein ganz anderes weites Feld) und bei meinem Kind bleiben. Nur so wird es gestärkt und gefestigt und erhält ein Fundament, auf dem es gut und sicher wachsen kann.

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Comments

  1. ein toller artikel. ich freue ich immer wie verrückt, wenn ich solche eingeschweißten, unüberlegten verhaltensmuster bei mir selbst aufdecke. ein grund zum feiern, finde ich.ich diskutiere auch nicht mehr mit den großeltern. es bringt meist nichts und ich werde nur als neumodisch abgetan. wenn sohn1 nur noch kreischend vor zu viel animation ihrerseits rumläuft, ist er ein verzogenes balk. ihn auch mal in ruhe zu lassen kommt nicht in frage. der ehemann hat dieses verhalten, was ja eigentlich ganz logisch ist, übernommen. er kennt es nicht anders. das führt immer wieder zu streit. mich würde mal interessieren wie ihr das macht und natürlich auch andere eltern. vertritt herr groß die gleichen ansichten?p.s. vier anläufe gebraucht um dieses "passwort" richtig hingeschrieben zu bekommen. :)

  2. Hey, danke für Deinen Kommentar!nunja, ich habe wohl Glück. Herr Groß und ich teilen die selben Ansichten. Er ist sogar derjenige, der noch schneller die Notbremse zieht, Herrn Klein aus einem eingefahrenen Alltagstrott, der nicht gestört werden darf bei den Großeltern, herausreisst und mit ihm um die Häuser zieht. Zum Runterkommen für beide. Aber ja, würde mich dennoch interessieren wie es da so läuft, wo die Meinungen sich spalten ??

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