Daumen hoch !

IMG_3747Frau Klein hat die letzten Tage ausschließlich daran gearbeitet ihren Daumen Richtung Mund zu befördern. Es war sehr spannend zu beobachten. Wie sie anfangs den Daumen in die Faust gepresst hielt, so dass, selbst wenn die Hand in der Nähe vom Mund landete, keine Chance für den Daumen bestand, hineinzuflutschen. Mittlerweile weiß sie, dass sie den Daumen abspreizen muss. Dennoch ist sie noch weit entfernt davon den Daumen dafür zu verwenden, wofür sie ihn braucht.

 

Ich weiß, dass bei vielen Eltern in diesem Moment alle Alarmglocken läuten, dass sie immer und immer wieder die Hände der Kinder aus dem Mund nehmen oder auch stattdessen den Schnuller anbieten. Und das ist ok. Denn wenn man als Eltern nicht überzeugt ist vom Daumenlutschen und seinem Kind unglücklich dabei zusieht, kann der Daumen schnell zu einem Problem für die Beziehung zwischen Eltern und Kind werden. Spannungen aufbauen. Hier beschreibe ich lediglich, warum ich meine Kinder nicht davon abhalte.

Herr Klein hat ebenfalls mit ca. 9 Wochen den Daumen für sich entdeckt. In 2 Wochen wird er 3 und sein Daumen ist nach wie vor sein ständiger Begleiter. Ich bin froh darüber, denn in meinen Augen hat das Daumenlutschen entschiedene Vorteile.

Innerer Trieb
Beide Kinder haben ganz von sich aus begonnen mit ca 7-8 Wochen die Hände Richtung Mund zu bewegen. Natürlich machen das alle Kinder, es ist Teil der Bewegungsentwicklung. Dennoch finde ich es wieder spannend zu sehen, wie scheinbar natürlich dieser Vorgang ist und wie er ganz automatisch dazu führt, dass Kinder Daumen, Finger oder Teile der Faust in den Mund stecken und daran lutschen oder saugen. Es ist ein innerer Trieb, den ich keinesfalls unterbinden möchte.

öko
Ich bin wohl oder übel eine Ökotussi. Ich versuche bewusst nachhaltig zu leben und Dinge, die unnötig sind, zu vermeiden. Vor allem wurmt es mich, von wie viel Plastik wir in unserem Leben umgeben sind. Die Babyabteilungen in Drogeriemärkten schocken mich – Plastikflaschen, Beißringe aus Plastik, Plastiklöffel, Schnuller… All das versuche ich weitestgehend zu vermeiden.

Immer da
Der Daumen landet dann im Mund des Kindes, wenn es motorisch dazu bereit ist. Und ab diesem Moment kann es ihn jederzeit verwenden. Er fällt nicht runter, nicht außer Reichweite. Er verschwindet nachts nicht in den Weiten des Bettes. Statt dem unermüdlichen Rufen nach den Eltern reicht eine Bewegung und das vertraute Ding ist da, wo es gebraucht wird.

Immer „sauber“
Nun, Kinderhände sind meist alles andere als sauber. Aber ihre Hände sind immer so dreckig wie die Umgebung, die sie erreichen können. Babies liegen anfangs nur auf Decken und somit ist der Daumen nie am dreckigen Boden, auf der Straße oder irgendwo, denn er fällt nicht runter. Er muss nicht desinfiziert werden. Wenn das Kind größer wird, der Daumen dreckiger, dann ist das Kind generell so mobil und motorisch entwickelt, dass es sich – ob Schnuller oder Daumen – sämtlichen Dreck direkt in den Mund stecken kann. Das ist dann wohl der allmähliche Aufbau des Immunsystems…

BeruhigungsHILFE
Wenn Herr Klein am Daumen lutscht, weiß ich, dass er etwas verarbeitet oder müde ist. Ich weiß aber, dass es nichts ist, wozu er mich dringender bräuchte als seinen Daumen. Denn wenn ihn etwas beschäftigt, was er nicht durch Daumenlutschen allein schafft, dann meldet er sich. Lautstark. Somit weiß ich, dass der Daumen ihn nicht ruhig stellt oder er dadurch Probleme „in sich aufsaugt“. Denn durch das Daumenlutschen hat er von Anfang an selbst beschlossen, wann er diese Beruhigungshilfe einsetzen will und kann. Und wann sie ihm nicht ausreicht. Niemals hätte ich ihm in unruhigen Nächten (Zähne oder Verarbeitung) den Daumen von mir aus in seinem Mund stecken können. Wenn er wach war, schrie oder weinte und nicht zur Ruhe kam, lag es an mir herauszufinden, was los war. Herausfordernd ja.

im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.
im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.

Das Daumenlutschen wird deutlich weniger, wenn die Kinder mobiler werden. Wenn sie bewusst nach Spielzeugen greifen und vor allem, wenn sie beginnen zu krabbeln. Ein Schnuller bleibt da doch gern im Mund stecken, denn die Hände sind ja frei. Er ist eben kein Stöpsel, den man erst aktiv ziehen und beiseite legen muss.

Sprache
Die Gefahr die Sprachentwicklung zu behindern oder zu beeinträchtigen ist beim Daumen wesentlich geringer. Denn wenn das Kind etwas sagen will, so nimmt es automatisch den Daumen aus dem Mund.

Ich streite nicht ab, dass der Daumen seine Nachteile hat: 

Zahnfehlstellung
Das ist wohl die erste Hauptangst der Eltern, wenn sie ihr Kind am Daumen lutschen sehen. Fakt ist, dass für die Zahnstellung der Kinder auch die Gene verantwortlich sind. Und dass ein Schnuller keine Garantie dafür ist, dass das Kind keine Zahnspange benötigt.
Ich selbst habe bis zum Teenageralter Daumen gelutscht. Die Aussage des Kieferorthopäden ich bräuchte eine Zahnspange, ignorierte meine Mutter. Wenige Jahre später mussten mir alle 4 Weisheitszähne herausoperiert werden. Diese neu entstandenen Lücken lösten meine Zahnstellung so, dass ich heute keinerlei Überbiss mehr habe. Mein Mann, der weder Daumen noch Schnuller nahm als Kind, hat Zähne im Mund, die wie Kraut und Rüben stehen…

nach dem Einschlafen fällt er von allein raus...
nach dem Einschlafen fällt er von allein raus…

Abgewöhnen
Die Panik, das Kind könnte mit 6 daumenlutschend eingeschult werden, scheint groß bei den Eltern. Damit verbunden die Angst um die Zähne, klar.
Aber keine Sorge liebe Eltern – hier leistet die Gesellschaft ihre Dienste. Oft werde ich auf das „arme daumenlutschende Kind, das keinen Lulli haben darf“ angesprochen. Schlimmer noch – Herr Klein wird direkt darauf aufmerksam gemacht. Die Großeltern reisen immer wieder mit dem Spruch „Lutscht Du immernoch am Daumen?“ an. Das einzige was ich dabei tue, ist ihn unterstützen in dem, was er braucht: den Daumen.
Somit wird er nach und nach sehen, dass das Daumenlutschen wohl etwas „außergewöhnlich“ ist. Es – so wie ich damals – irgendwann tagsüber selbst einstellen. Und ob er mit 10 oder 16 zum Einschlafen noch am Daumen lutscht, ist dann schlichtweg seine Entscheidung.

Das mag makaber klingen. Aber ab einem gewissen Alter übergebe ich gewisse Verantwortungen an mein Kind. Natürlich werde ich es vorher unterstützen und beobachten, ob es den Daumen wirklich noch braucht und wann. Einen wundervollen Artikel hierzu findet man auf www.handinhandparenting.org. Denn nein – ich ignoriere das Daumenlutschen nicht völlig. Natürlich ist mir wichtig, dass es nicht nur zu einer passiven einlullenden Gewohnheit wird.

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Autos beim Parken und Rangieren zuschauen – aufsaugen mit allen Sinnen.

Wie gesagt habe ich selbst lange Zeit Daumen gelutscht. Es war so weit, dass ich mit meiner Mutter gemeinsam versuchte mit Hilfe von Pflastern oder Cremes dem Daumenlutschen ein Ende zu setzen. Nichts von all dem half. Wie es mir letztendlich gelang, weiß ich nicht einmal mehr. Auch nicht genau wann.

Ich verurteile keine Eltern, die ihren Kindern lieber den Schnuller geben, weil sie dabei doch etwas mehr „Möglichkeiten“ haben, wenn es ums Abgewöhnen geht. Und davon abgesehen gibt es ja Kinder, die weder noch brauchen. Es ist wie gesagt eine Entscheidung, die jede Familie für sich treffen muss. Mit allen Konsequenzen. Ich für mich, bin jedenfalls überzeugt vom Daumen. Und schaue weiter fasziniert zu, wie Frau Klein übt und probiert. Rechts oder links – das ist noch offen.

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