Einfach Mensch sein

Dieses Wochenende war eins für die Papiertonne. Zerknüllen, wegwerfen, vergessen. Die Herren Groß & Klein haben sich fiebernd durch die Tage geschoben. Und Nächte. Ein krankes Kind ist nie einfach, aber ohne Unterstützung von Herrn Groß stoße ich hier schnell an meine Grenzen.

Das ist nicht böse gemeint. Herr Klein ist weinerlich und anhänglich, weil es ihm nicht gut geht. Das verstehe ich voll und ganz. Er schläft wenig und schlecht und dafür kann er nichts. Dennoch wünsche ich mir an solchen Tagen oft nichts mehr als Ruhe und Schlaf – weil genau das Mangelware ist zu der Zeit. Und so werde ich auch irgendwann weinerlich. Auf meine Art. Ich jammere und bin frustriert, warum ALLES IMMER so mühsam sein muss. Dabei ist es das gar nicht IMMER ALLES. Nur eben jetzt gerade und da besonders. Und dann bin ich schnell mal einige Universen entfernt von dem, in dem ich eine perfekte Mutter bin.

Und wenn dann mal für einen Moment ALLES wieder in Ordnung ist, Herr Klein gegessen oder geschlafen hat, zufrieden spielt und ich die Supermama bin, frage ich mich, wie ich bitte Familien begleiten und unterstützen möchte, wenn ich doch selbst so schwanke.
Denn es sind ja nicht nur die Krankheitstage. Es sind auch die einfach nur schlechten, die man eben hat als Mensch. Als Frau. Als Mutter. Wenn das achtsame und kooperative Wickeln mal wieder nicht so funktioniert, gewaltfreie Kommunikation eine neue Definition erhält und umherfliegendes Spielzeug mich auf Palmen und Herrn Klein demzufolge aus der Fassung bringt. Wenn ich eben nicht perfekt bin.

Aber muss ich das denn? Muss ich wirklich all das, was ich als sinnvoll, hilfreich und unterstützend ansehe, selbst auch können und leben? Die Antwort ist glüklicherweise: Nein.

Denn wenn ich Eltern, die um meine Begleitung bitten, als diese allwissende Koriphäe begegne, ist das gefährlich. Was verzweifelte oder auch nur unsichere Eltern als letztes brauchen, ist das lebende Bild von dem, wonach sie streben. Was sie brauchen, ist Empathie.

Es ist hilfreicher zu erkennen, was genau in dieser Situation mit genau diesem Problem hilfreich sein KÖNNTE.. Ein paar Scheiben wischen und Klarheit schaffen. Türen öffnen, die neue Räume schaffen können, aber nicht müssen.
Das ist eine sehr feinfühlige Arbeit. Das wissen alle, die schon einmal gutgemeinte Ratschläge gegeben haben, die den gewünschten Effekt weit verfehlt haben. Stattdessen ist es oft hilfreicher, ein paar persönliche – menschliche – Erfahrungen hineinzustreuen. „Ich weiß, das ist nicht leicht“ oder „Damit hatte ich auch meine Mühe.“

Einfach ein Mensch sein, der ebenso NUR nach dieser elterlichen Perfektion strebt, die es so nicht gibt.

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Was Freude macht, belastet nicht !


Gestern abend habe ich per email das dritte Modul meines Fernkurses zur Bi.G Kursleiterin erhalten. Das bedeutet wieder Hausaufgaben. Skript lesen, weiterführende Literatur lesen. Nachdenken. Fragenkatalog bearbeiten. Also habe ich mich heute, als die Babysitterin Herrn Klein betreut hat, in die Bücherei gesetzt und losgelegt. Und gar nicht prokrastiniert

In der Schule hat unser Physiklehrer bei der Erteilung der Hausaufgaben immer mit einem Lächeln gesagt: „Was Freude macht, belastet nicht.“
Ich hab das lange Zeit gar nicht verstanden, weil ich gar nicht genau hingehört habe. Und weil mich Physik in ihrer vermittelten Trockenheit nicht interessiert hat. Auch im Studium habe ich mich auf Grund von Zeitdruck, anderen „lustigeren“ Interessen oder Nichtverstehens eher durch die Hausübungen gequält. Ebenso durch das Schreiben meiner Diplomarbeit, obwohl sie von einem Thema handelte, was mich damals sehr interessierte. Aber der auferlegte Zeitdruck, die Rahmenbedingungen und die vorangegangenen mühseligen Jahre des „Durchboxens“ haben mir sehr viel Motivation geraubt. So ging es weiter. Im Job, in Weiterbildungen. Zäh wie alter Kaugummi.

Jetzt werde ich verunsichert angeschaut, wenn ich erzähle, wie viele Ausbildungen ich grad mache. Und das mit einem Lachen im Gesicht. Nein, leicht ist es nicht immer neben Kind, Familie und Job. Aber es ist nicht das Lernen und Erarbeiten, was mich stresst. Es ist die Zeit, die ich anderweitig verbringe. Verbringen muss – mit Arbeit zum Beispiel. Wo ich NICHT lernen kann, keine spannenden Artikel lesen kann. Mich nicht austauschen kann.

Das ist es also, was Maria Montessori an Kindern entdeckt hat. Der Drang, der Wille, etwas zu erfahren, zu erlernen, zu verstehen. Der Drang, den wir durch fixe Stundenpläne und Frontalunterricht in der Schule zerstören. Im Volksschulalter bereits. Und die Freude, die Ausdauer, die ein Kind hat, wenn es sich mit etwas beschäftigt, das es von sich aus gewählt hat. Frei und ohne Zwang.

Nein, nicht nur Kindern geht das so.
Auch ich saß heute also da und „lernte“. Wenn man das so bezeichnen mag. Denn was genau ist lernen? Etwas lesen und lesen und lesen und nicht verstehen aber mühsam versuchen in den Kopf zu hämmern? Das – so schien is – war es jedenfalls, was die StudentInnen um mich herum in der Bücherei alle taten. Oder sich mit etwas beschäftigen, darüber lesen und recherchieren, dabei mehr und mehr Interesse entwickeln und gar nicht bemerken, wie schnell die drei Stunden um sind, die man sich dafür genommen hat?

In meinem Fernkurs suche ich mir bewusst Fragestellungen aus den Modulen aus, die ich mit mir spazieren trage. Über die ich nachsinnen kann, wenn ich in der Ubahn sitze oder abends Herrn Klein lausche, während er in die Traumwelt dahindöst. Früher habe ich Fragestellungen so lange gemieden, bis ich einen Prüfer und ein A4 Blatt vor mir hatte.

Apropos Fragestellungen. Vielleicht habe ich die auch nie wirklich verstanden. Denn noch heute zieht sich in mir alles zusammen, wenn ich lese „Beschreiben Sie…“ Wie genau? Wie ausführlich? Und was überhaupt? Und dann die Bitte, das mit eigenen Worten zu tun. Hilfe! Keine Definition abschreiben? Kein Lexikon zitieren? Oft hänge ich an solchen Aufgabenstellungen fest, bis ich beschließe, einfach ein paar Stichpunkte zu machen und zur nächsten Fragestellung weiterzugehen. Und während diese Notizen das Papier streifen, bilden sich schon Sätze, die Gedanken poltern und plötzlich habe ich die Antwort da, von der ich gar nicht wusste, wie sie ausschauen sollte.
Das ist es also, was die Schule mit uns angestellt hat. Unsere Geister verkompliziert und verschreckt.

Ich hoffe, dass, bis Herr Klein mit seiner Zuckertüte das erste Mal eine Schule betritt, sich schon einiges geändert hat im Bildungssystem. Und vielleicht habe ich bis dahin auch gelernt mit ganz einfachen Fragestellungen umzugehen. In diesem Sinne – Modul 3 hat noch ein paar Fragen offen und der Abend ist noch jung. Oder: „Was Freude macht, belastet nicht!“

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A wie Absage und Anker

Vor kurzem hat mich eine Freundin völlig spontan gefragt, ob ich Lust hätte, als „Native Speaker“ in einem Kindergarten mit Montessori Ansatz zu arbeiten. Da wäre grad eine Stelle frei. Ich war völlig überwältigt, überrascht und vom jetzigen Leben 1.0 überhaupt mal wieder besonders genervt. Ich wollte Hurra! schreien. Und musste dennoch absagen.

Ich hab mich also beworben. Ganz klassisch mit Lebenslauf und ohne irgendwelche Referenzen. Die hab ich ja noch nicht. Und mein Diplomzeugnis vom Bauwesen brauchte ich sicher nicht dazulegen.
Prompt kam auch der Anruf und eine Terminvereinbarung für ein Gespräch. Ich habe mir die Einrichtung angeschaut und mehr über die Tätigkeit erfahren. Und das Gehalt. Das Gehalt.

Es ist unglaublich, wie schlecht die Menschen bezahlt werden, die 40h die Woche, 8h am Tag die nächste Generation betreut und begleitet. Die Verantwortung wird hier meiner Meinung nach völlig vernachlässigt. „Die spielen ja nur.“ war vielleicht auch mal mein Glaube, als ich noch keine Ahnung hatte von Kindern und dem Job, den alle wirklich leisten, die mit ihnen zu tun haben.

Nicht dass Kinder so anstrengend wären oder mühsam. Gar nicht. Aber sie sind fragil. Fragil dahingehend, dass man so viel in eine Richtung biegen und versteifen kann, ohne dass es einem bewusst ist. Jeder Satz, jede Handlung kann so unglaublich viel anrichten bei einem Kind, was die Welt noch ganz anders sieht und alles aufsaugt wie ein Schwamm. Meist unbewusst.

Aber ich lenke vom Thema ab. Die Bezahlung war also ein Witz. Natürlich habe ich keine Berufserfahrung, und die Gehaltspolitik kann ich auch nicht ändern in der Branche. Aber dass es für mehr Stunden, als ich jetzt in Leben 1.0 arbeite noch immer weniger ist, als jetzt, finde ich unglaublich schockierend.

Hinzu kommt, dass ich dann also mehr Stunden arbeite als jetzt. Zwar in einem Bereich, der ungefähr etwas mit dem zu tun hat, was ich machen will. Aber mir bleibt wiederum wieder weniger Zeit für alle Projekte und Ausbildungen, die mir helfen sollen, mich 100% ins Leben 2.0 zu katapultieren. Und das war der Knackpunkt.
Ich kann nicht noch länger „rumtanzen“ und Zeit vergehen lassen. Mich in eine Richtung schlängeln, die mich doch von meiner wirklichen Richtung, von meinem allmählich freigeschaufelten Weg abbringt. Ich kann die wirklich wesentlichen Ideen und Projekte nicht wieder auf Eis legen.
Also danke für diese Möglichkeit, weiter 24h die Woche Bauwesen, 24h die Woche Projekte, die mich so wenig interessieren, dass ich nur durch Reframing Perspektive bewahren kann. Und nach Feierabend lesen, lernen und planen.

Und dann bleibt mir ja noch Ankern. Tief in mich fühlen dahin, wo diese Begeisterung für Leben 2.0 liegt und lebt. Immer wieder. Um nicht zu vergessen, wofür ich mache, was ich mache. Ommmm.

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