Pikler – ein Lebensstil

Wer mir hier auf diesem Blog, auf Facebook oder Twitter folgt, der weiß, dass der Name Pikler in meinem Leben eine große Rolle spielt. Auch privat werde ich oft angesprochen a la “Was sagt denn Frau Pikler dazu?” Und tatsächlich habe ich anfangs genauso gedacht. Wenn ich nicht weiter wusste, schaute ich, was Emmi Pikler oder Magda Gerber zu sagen hatten. Doch bald merkte ich, das Pikler mehr war als nur schwarz oder weiß. Ja oder nein. Richtig oder Falsch.

Pikler ist bunt. Kunterbunt. Das mag man nicht so recht glauben, wenn man nichts außer ihren mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommenen Büchern kennt und sonst nichts. Wer sich im Zuge dessen bereits mit Magda Gerber angefreundet hat, der wird schon etwas farbenfroher in die Welt des Elternseins schauen.  Obwohl dazu natürlich auch die gewisse Portion an Selbstkritik und Reflexion gehört.

Aber was ist so viel mehr an Pikler, als ihr vehementes Befürworten der freien Bewegungsentwicklung und der ungeteilten Aufmerksamkeit während der Pflege ?

Gemeinsames Wachsen
Nun, es ist das Dazwischen. Viele glauben Pikler hieße, sein Kind den ganzen Tag lang am Boden liegend spielen zu lassen und sich nur während des Wickelns oder Fütterns wirklich mit ihm zu befassen. Wenn man jedoch einen einzigen kleinen Schritt hinzufügt, nämlich das Beobachten, dann ist man schon hundert Schritte weiter. Denn natürlich will kein Kind nur am Boden liegen und fröhlich glucksen. Die wenigstens geben sich mit einer liebevollen Pflegesituation zufrieden sondern fordern Mama und Papa wesentlich mehr. Manchmal sehr viel mehr, als wir gedacht hätten. Da hilft nur eins: Beobachten. Und zwar nicht nur das Kind und sein Tun und Handeln. Sondern das gesamte Rundherum. Unser Verhalten. Den Tagesablauf. Die Auswirkung von äußeren Einflüssen und Veränderungen. Entwicklungsbedingte Veränderungen. Eigene Prinzipien und deren plötzliche Verschiebung. Die eigene Partnerschaft. Bedürfnisse. Ängste.
Wenn man all das nun wirklich aufnimmt und miteinander in Zusammenhänge setzt, erzieht man plötzlich nicht sein eigenes Kind nicht mehr. Im Gegenteil. Man zieht und rückt an sich selber. Man schaut zurück auf die eigene Vergangenheit, die eigene Kindheit. Man überdenkt eigene Ansprüche und Vorstellungen. Und idealer weise kann man die noch mit dem Partner besprechen. Es entsteht ein Gemeinsames Wachsen. MIT dem Kind. Und das eigene Leben verschiebt sich. Ganz automatisch und leise.

Sich finden
In meinem Fall hat sich vieles verschoben. Dass ich unzufrieden mit meinem Job war, war schon lange vor der Schwangerschaft bekannt. Was ich jedoch stattdessen wollte, war immer ein großes Fragezeichen. Nach den ersten Besuchen im Spielraum war mir sehr klar, was es war, was ich wollte. Zumindest grob. Das ist nun 2 Jahre her und die Vorstellung wird bunter, aber auch dichter. Und bis zur Geburt und Karenzzeit mit Frau Klein habe ich Zeit, diese Vorstellung noch weiter zu detaillieren und auf mich wirken zu lassen. So dass ich dann neu und – man kann wohl sagen wohlüberlegt – in ein neues Abenteuer starten kann.

Viele (mich inbegriffen), die sich anfangs mit Pikler und ihren Prinzipien befassen, wollen aus lauter Begeisterung alle anderen davon begeistern und überzeugen. Das endet dann meist in unerwünschten Beiträgen und Kommentaren und Frustration auf vielen Seiten. Erst im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht darum geht, alle anderen mitzureißen. Sondern darum, erst einmal seinen eigenen Weg zu finden. Und auf das Handeln und Reden anderer nicht zu reagieren, so lange niemand konkrete Fragen stellt. Und selbst dann bedarf es der Überlegung, ob eine Antwort oder ein Ratschlag überhaupt möglich ist. Gerade auf Twitter ist das eine Herausforderung. Dort wird man täglich mit Elternfragen konfrontiert. Aber die wenigsten davon richten sich an ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen. Viele wollen einfach nur mal Dampf ablassen oder hören, dass sie nicht allein sind. Da muss man dann Weiterscrollen oder Ausschalten. Auch das geht nur, wenn man gut bei sich angekommen ist.

Weiterentwickeln
Zur gleichen Zeit, als ich begann mich mit der Piklerpädagogik auseinanderzusetzen, begann ich auch, die Zeitschrift “Mit Kindern wachsen” zu lesen. Wer diese kennt, weiß, dass sie auch immer wieder sehr buddhistische Ansätze beinhaltet. Dass es dort sehr viel um Achtsamkeit geht. Und darum, im Moment zu sein. Bei sich zu sein. Zur inneren Ruhe zu finden. Klarheit. Sicherheit.
Wenn man sich weiterführend mit der Piklerpädagogik befasst, so kommt man genau dort auch hin. Dann stößt man über die einzelnen Themen, die einen als Eltern beschäftigen, auf eben diese Themen. Wie wichtig und hilfreich Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit Kindern ist. Wie oft uns die Klarheit fehlt, die Sicherheit. Die innere Ruhe. Wie oft wir selbst nicht wissen, was uns eigentlich wichtig ist. Und was wir wollen.
Und so stellt man sich immer mehr Fragen. Und findet immer mehr Antworten. Antworten auf Fragen, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie unser Leben dominieren. Auch schon, bevor wir Kinder hatten.

Kommunikation
Als Mitglied eines Wohnprojektes mit 50 Erwachsenen, die gemeinsam ein Haus bauen und dort gemeinsam leben wollen, ist eine gewisse Bereitschaft zu gewaltfreier und offener Kommunikation notwendig. Da kommt man mit “So ein Blödsinn” nicht weiter. Da braucht es ein “Was genau stört Dich daran?” um auf rutschigen Böden nach Gründen zu suchen und auf viel zu hohen Leitern gemeinsame Lösungen zu finden.
Mit Kindern ist das nicht anders. Ein einfaches “Nein. So nicht.” hilft selten. Auch ein “Stell Dich nicht so an!” ist eher kontraproduktiv. Mit einem “Ich verstehe, dass Dir das schwer fällt.” kann man jedoch mit dem Kind in Kontakt treten und auf wundersame Weise eine Kommunikation erzeugen, die leider selbst uns Erwachsenen oft nicht einfällt.

Kürzlich schrieb ein guter Bekannter in einer email an Freunde und Bekannte, dass seine Mutter verstorben sei. Ich wollte darauf antworten, aber fand keine Worte. Ein leeres “Herzliches Beileid” kam mir nicht über die Tasten. Tage vergingen, weitere emails schoben die Unannehmlichkeit nach unten und ich vergaß darüber. Bis ich ihm persönlich gegenüberstand. Einige Wochen später. Und während ich früher in so einer Situation krampfhaft versucht hätte, das Thema zu meiden und in “hoffentlich beidseitiger Vergessenheit” zu ahnen, fragte ich ihn einfach, wie es ihm ginge und ob er den Tod etwas verarbeitet hätte. Und plötzlich begann er zu reden. Ganz offen. Ganz ehrlich. Und ich brauchte nichts sagen, von all dem, was ich immer glaubte, was man so sagen muss, in so einem Fall. Ich musste nur zuhören und die passenden Worte kamen einfach so aus mir heraus. 

Da merkte ich, dass die Auseinandersetzung mit der Art der Kommunikation und überhaupt der Umgang mit Menschen, wie ich ihn in der Piklerausbildung kennenlerne, bereits in mich gesunken ist. Obwohl wir natürlich keine Dialoge lernen oder so etwas “üben”. Es ist ein Teil des Ganzen, der in einem wächst, wenn man bereit dazu ist.

Befreien von Dogmen
Wenn man einmal seinen Weg gefunden hat, dann fällt es schwer – wie oben angedeutet – ihn nicht gewaltsam anderen Menschen aufzudrücken.
Vor allem Emmi Pikler wird von vielen als dogmatisch verstanden, von vielen vielleicht auch so kommuniziert. Ihre Tochter Anna Tardos selbst sagte auf der letzten PiklerSpielraumtagung: “Man darf nicht kämpferisch sein. Das schadet und erschreckt.”
So ist es mit vielen Dingen im Leben. RaucherInnen und NichtraucherInnen, FleischesserInnen und VegetarierInnen, Religöse, Mehr- und Minderheiten sämtlicher Art können davon Lieder singen.
Ich war mal Raucherin und Fleischesserin. Und auch dogmatische Piklerverteidigerin. Heute beschäftige ich mich auch in verschiedenen Zusammenhängen mit Dr. Sears oder Rudolf Steiner. Nicht, weil ich alles, was sie sagen, plötzlich gut finde oder befürworte. Aber weil ich verstehen will, warum Eltern tun, was sie tun. Und wie man so vielleicht aus verschiedenen Ansätzen heraus viel buntere und durchaus weitreichend zufriedenere Lösungen finden kann.

Vieles von all dem oben gesagten kann man natürlich auch in anderen Lebensbereichen erfahren. Bewusst oder unbewusst. Einige tragen vieles bereits in sich, andere beschäftigen sich lange mit etwas, und kommen dennoch nicht an.
Ich habe all das zumindest indirekt durch die Auseinandersetzung mit der Piklerpädagogik erfahren, gelernt und verinnerlicht. Ich bin immer wieder überrascht wohin mich der Hinweis auf diesen einfachen Namen dieser ungarischen Kinderärztin, von der ich nie zuvor gehört hatte, geführt hat und immer noch führt. Für mich ist diese Pädagogik ein Lebensstil geworden, der in so vielen anderen Bereichen als in der Begleitung meines Kindes gelebt wird. Und ich bin gespannt, wo ich letztendlich wirklich gänzlich dadurch ankommen werde.

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Eindimensionale Erinnerungen

Als ich gestern die neue “Mit Kindern wachsen” durchblätterte, schlug mir ein Satz ziemlich brutal ins Gesicht: Die Geschwisterbeziehung ist die längste Beziehung im Leben. Mein erster Gedanke war: ‘Nein. Ist sie nicht.’

Denn meine wurde nach 14 Jahren brachial beendet. Von heute auf morgen. Regen und geringes Reifenprofil ließen mich allein zurück in einem viel zu großen Zimmer und einer kräftig gerüttelten Familie. Einfach so. Ohne Vorankündigung.
Obwohl ich nicht weiß, was eine Ankündigung gebracht hätte. Einen längeren Schmerz? Eine Vorbereitung auf das gänzlich Unbekannte?

Als eine sehr gute Freundin mir ein paar Jahre später gegenüber saß, nachdem ihre Schwester nach 3-jähriger Krebskrankheit gestorben war, wussten wir beide nicht, wer es schwerer oder leichter gehabt hatte. Sie, die lange mitgelitten, Hoffnungen geschöpft und wieder fallen gelassen und am Ende enttäuscht aber erlöst war? Oder ich, die von jetzt auf gleich einen Schmerz erfuhr, auf den es doch in keinem Fall eine Vorbereitung zur Linderung hätte geben können? Und letztendlich war es egal.
Wir waren geschüttelt und am Ende. Am Ende eines langen gemeinsamen Weges. Keine Gabelung. Keine Kreuzung. Nicht einmal ein kleiner geheimer Pfad, auf dem man hätte davonlaufen können, um sich tief im Wald wieder zu treffen. Wir saßen in dieser Sackgasse fest. Jede für sich allein.

Aber heißt das wirklich, dass unsere Geschwisterbeziehung damit beendet war? Ich kann nur für mich sprechen. Und sagen: “Nein.” Denn ich bin nun weder Einzelkind noch Erstgeborene meiner Eltern. Ich bin ein Mensch neben einem großen Loch. Und mit diesem Loch bin ich in Beziehung. Täglich. Sei es nur ein kleiner Gedankenblitz. Ein zufälliger Blick auf ein Foto. Ein Schwall an Erinnerungen. Oder ein tiefes Vermissen.
Das, was meine Geschwisterbeziehung von anderen unterscheidet, ist, dass sie eindimensional ist. So, wie meine Erinnerungen eindimensional sind. Es gibt niemanden, der sagt: “Nein, das war doch so und so. Erinnerst Du Dich nicht?” und ich sage: “Ja, stimmt. Das hatte ich ganz vergessen!”

Nein, ich erinnere mich an Dinge und Situationen und genau so verwachsen sie sich in meinem Kopf. Ich habe mit meinem Bruder “bei endlosen Autofahrten in den Urlaub die Rückbank des Autos geteilt, gemeinsam die versteckten Winkel des Gartens erobert , und die düsteren Ecken des Kellers.” Aber schön sind sie nicht, die Erinnerungen. Fad. Ungewürzt mit einem bitteren Nachgeschmack. Eindimensional.

Aber ich hoffe, dass ich irgendwann bereit bin, diesen Artikel zu lesen. Ohne bitteren Nachgeschmack. Sondern mit sichtlicher Vorfreude auf die zweidimensionale und kunterbunte Geschwisterbeziehung, die Herrn Klein erwartet. Und uns.

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“Ding – was willst Du von mir?”

Wann auch immer Besuch zu uns kommt und die hölzernen Kippelscheiben sieht, werde ich recht bald gefragt: “Wozu sind die?” oder “Was macht man damit?”
Das sind wir. Erwachsene. Niemals ohne Aufgabe oder Ziel unterwegs.

Am Wochenende habe ich das Hengstenberg Seminar, das im Zuge der Piklerausbildung erforderlich ist, besucht. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet und ob ich dickbäuchig und (fast schon) hochschwanger überhaupt sinnvoll daran teilnehmen könnte.
Und da war sie auch schon wieder – die Frage nach dem Sinn.

Viele der Übungen und Experimente in diesem Workshop wurden in 2 Gruppen aufgeteilt durchgeführt. Eine Gruppe die erforscht, spielt, experimentiert. Und eine, die beobachtet. Denn das Beobachten ist ein sehr wesentlicher Aspekt in der Arbeit mit Kindern. Wie sonst können wir das Kind als Individuum betrachten, wenn wir es nicht immer wieder in seinem Tun und Sein beobachten und neu kennenlernen?

Also saß ich da und beobachtete. Hörte mir an, was die einzelnen zu berichten hatten und fand mich nach einer kleinen Pause selbst am Boden liegend wieder. Und plötzlich dachte ich: “Was war jetzt nochmal die Aufgabe? Worum geht’s hierbei?” Aber ich konnte die Frage nicht stellen. Niemand stellte sie und ich war offensichtlich die einzige, die schon wieder vergessen hatte. Also tat ich, was ich glaubte, was “richtig” sei. Und während ich so tat begannen meine Sinne selbsttätig und ungeleitet zu arbeiten. Ich hörte. Ich fühlte. All das noch mehr, als ich endlich die Augen schloss und mich voll und ganz darauf einließ. Worauf? Das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ich ließ mich treiben und landete in einem Fluss der Wahrnehmung.

So wie Kinder sich treiben lassen. Ohne zu fragen: Worum geht’s? Ist das sinnvoll? Was macht man damit?
Sie haben diesen Entdeckerdrang. Als Säuglinge am Boden liegend. Als Krabbelkinder. Laufend und Springend. Sie erforschen die Welt und dabei sich selbst. Sich selbst im Zusammenhang mit der Welt. Und sich selbst als eigenständiges Individuum. Und dieses Erforschen und Entdecken nennt man dann Spiel.

Heinrich Jacoby hat den Satz geprägt: “Ding – was willst Du von mir?” Und genau das beschreibt, wie Kinder ticken. Sie fragen nicht nach einer Aufgabe, einem Ziel. Sie lassen sich leiten. Sie tun einfach. Sie nehmen einen Stein, einen Stock, ein Blatt. Und erfahren freudig und lustvoll, was dieser mit ihnen tut, während sie mit ihm tun. Sie spielen. Und wenn wir sie lassen und ihnen nicht erklären, wie man womit spielt oder nicht spielt, was man womit tun kann um was zu entdecken, dann können sie sich diese Freude erhalten. Die Neugier. Und wir können uns an ihnen und ihrem Spiel erfreuen und neu erfahren, was es heißt, einmal nicht nach dem Sinn dahinter zu fragen.

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