Das ganze Leben ist ein Quiz…

Unlängst habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie wichtig das Vorlesen für Kinder ist. Und dass wir bloß nicht aufhören sollen damit, sobald die Kinder in der Schule selbst lesen lernen. Weil Vorlesen mehr ist, als nur eine Geschichte.
Viele Eltern sind daher sehr engagiert und fangen früh an, mit ihren Kindern Bücher anzuschauen. Nur wird bei vielem aus dieser gemeinsamen Zeit ein Quiz. Und das Bücheranschauen zur Lektion.

Sobald das Kind nämlich beginnt erste Wörter zu formulieren, wird ihm nicht mehr nur erzählt, was was ist. Es wird geprüft, ob es das nun selbst weiß. UND ob es das auch sagen kann. Und will. So wird ein Bilderbuch durchgeblättert und auf jeder Seite aufs neue der Zeigefinger angesetzt: „Und was ist das?“ Anfangs antworten die Kinder noch stolz. Viele reagieren irgendwann gar nicht. Manche sagen (absichtlich) etwas komplett anderes. Weil sie auch schon mit den Gedanken wieder ganz woanders sind.

Auch ein Besuch im Zoo, im Wald oder einfach nur auf dem Spielplatz wird zur Quizshow. „Was ist das?“ „Welche Farbe hat das Auto?“ „Wie macht die Katze?“
Warum tun wir Eltern das? Warum stellen wir unsere Kinder so früh schon auf den Prüfstand?
Vieles ist sicher Unsicherheit. Wir wollen schließlich, dass unsere Kinder lernen und Grundlagen schaffen für noch mehr Wissen. Letztendlich fühlen wir uns verantwortlich für das, was aus unseren Kindern wird.
Zum anderen wollen wir unser eigenes Wissen weitergeben. Und das, was wir für wichtig halten, auch ihnen vermitteln.

Ich erinnere mich an Ausflüge mit meinem Vater. Pilze sammeln im Wald oder ein Besuch im heimischen Tierpark. Sie waren immer gespickt von Fragen. „Was ist das für ein Pilz?“ „Wie heißt dieser Vogel?“ Ja besonders die Vögel hatten es ihm angetan. Amsel, Spatz, Schwalbe, Rotkehlchen. Manchmal glaubte ich die Antwort zu wissen, aber aus Angst, falsch zu antworten, sagte ich meist, dass ich es nicht weiß. Wie auch immer – mein Vater war entsetzt: „Aber Nadine. Das musst Du doch wissen!“ Und ich fiel innerlich zusammen. Nicht, weil ich es nicht wusste, sondern weil ich meinen Vater so enttäuscht hatte.

Wieder einmal fehlt uns das nötige Vertrauen, dass die Kinder lernen. Dabei saugen gerade die 0-6 jährigen ALLES auf wie ein Schwamm. Sie filtern kaum und oft sind wir überrascht, wenn wir hören, woran sie sich erinnern. Dass die Kuh auf dem Bauernhof, den wir vor 4 Monaten besuchten, Simone heißt. Dass jede A-Klasse auf der Straße ein „Opa-Auto“ ist, obwohl wir damit zum letzten Mal vor einem halben Jahr unterwegs waren.
Welches seiner Bücher von Oma ist, welches Auto wo gekauft oder von wem geschenkt wurde. Welche Frau, die die Krippe betritt, welches Kind abholt. Ich kann mit Herrn Klein keinen Bogen um einen Spielplatz machen, weil er schon genau weiß, dass wir nur hier entlang oder dort einbiegen müssten, um genau dort hin zu kommen. Er kennt sich aus. Findet im Hofer die Milch und kennt die Haltestellen der täglichen Ubahn- und Busfahrten. Sein Gedächtnis frustriert mich oft, weil ich immer und immer wieder erkenne, wie meines mich im Stich lässt. Wenn er mir in zerstückelten Sätzen von Erlebnissen berichtet, bin ich gefordert herauszufinden WAS er sagt und um WELCHES Ereignis es sich handelt. Er bildet Zusammenhänge, die mich staunen lassen. Wenn er bei jedem Nilpferd vom „Saubermachen“ redet, weil er beim letzten Zoobesuch mit seinem Papa zugeschaut hat, wie die Pfleger den Nilpferden den Mund gespült haben.
Muss ich ihn da wirklich noch abends fragen, welches Tier aus dem Buch schaut? Welche Farbe der Bus hat oder – weil er ja nun begonnen hat zu zählen – wie viele kleine Küken der Henne hinterherlaufen?

Stattdessen kann ich einfach darauf vertrauen, dass er das all das weiß oder lernen wird. So es ihn interessiert. Ich kann mit ihm einfach Bücher anschauen und die Zweisamkeit genießen. Genau die, die so wichtig ist und wohl der Hintergrund unserer langen Bücherzeit am Abend. Nachdem er den Großteil des Tages in der Krippe verbracht hat und „gelernt“ hat. Oder „gepielt“, wie er sagt.

„Im gemeinsamen Tun erleben Kinder etwas, was sie nicht erleben, wenn sie unterrichtet werden und wir ihnen mit den besten Absichten und den ausgefeiltesten didaktischen Verfahren etwas beizubringen versuchen. Sie erleben Glück in der Gemeinschaft, ein Gefühl, das sie aus der Gemeinschaft mit der Mutter, in der dunklen sicheren Höhle, schon kennen. Diese Erfüllung entsteht, weil in diesem gemeinsamen Tun ihr wichtigstes Bedürfnis gestillt wird: verbunden zu sein und in dieser Verbundenheit zu wachsen. Um frei zu sein und autonom zu werden.
Märchenstunden etwa, das Erzählen von Geschichten, sind die höchste Form des Unterrichtens. Denn Lernen gelingt am besten, wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert und all jene Botenstoffe freigesetzt werden, die das Knüpfen neuer Verbundungen zwischen den Nervenzellen fördern.“ (aus „Jedes Kind ist hochbegabt“ von Gerald Hüther)

Wieder kann ich nur Maria Montessori zitieren, die sagte: „Ein Kind kann nicht nicht lernen.“

Wer dennoch glaubt, einem Kind müsse man Dinge beibringen und durch Abfragen und Prüfen das Wissen in den Kopf trichtern, dem empfehle ich einen Abschweif in die eigene Schulzeit. Wo wir uns auch nicht für jede gewusste Antwort gemeldet haben. Weil uns die Frage vielleicht zu banal erschien, wir zu faul waren oder das Thema uns gar nicht sonderlich interessiert hat. Oder aus anderen unerfindlichen Gründen.

Denn auch wenn mein Vater mich immer wieder bezüglich der heimischen Vögel ausgequetscht hat. Ich habe sie nie „gelernt“. Sie haben mich schlichtweg nie interessiert und ich habe dieses Wissen nie gebraucht. Außer in den unangenehmen Situationen mit meinem Vater im Wald. Und ist es nicht traurig, dass genau die in meiner Erinnerung hängengeblieben sind?

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Siehst Du mich ?

Gestern bekam ich wieder einmal erstaunte Reaktionen darauf, dass wir Herrn Klein nicht loben. Bei uns gibt es kein „Super!“, „Bravo!“ oder „Gut gemacht!“. Das mag für viele wirklich unvorstellbar klingen, vor allem, da man ja immer wieder davon liest, wie wichtig es ist, Kinder zu ermutigen und ihre erreichten Meilensteine anzuerkennen. Und genau darin liegt der Unterschied.

Doch ich möchte jetzt gar nicht allzu sehr darauf eingehen, warum wir nicht Loben. Denn das tut Alfie Kohn in seinem Artikel Fünf Gründe gegen „Gut gemacht!“ (original: 5 resonst to stop saying „Good Job!“)selbst sehr gut. Worauf ich eingehen möchte ist das, was uns wirklich gut tut.

Wie im gestrigen Post bereits erwähnt, bin ich Mitglied eines Wohnprojektes. Begonnen haben wir das ganze in einem Kreis von 15 Personen. Und da wir eine große Aufgabe vor uns sahen – nämlich die Teilnahme an einem Bauträgerwettbewerb der Stadt Wien und die anschließende Planung eines Wohnhauses mit 39 Wohneinheiten – mussten wir uns recht bald und früh überlegen, wie wir das gut und organisiert angehen. So stießen wir auf das alternative Projektmanagement „Dragon Dreaming“. Hierbei wird ein Projekt immer wieder in 4 Phasen unterteilt:

1. Das Träumen – ohne eine Vorstellung, einen Traum, eine Vision, kommt so ein Projekt gar nicht zustande. Und wenn es mal nicht weitergeht, man mal ansteht, so muss man wieder schauen – Was sind unsere Ziele? Was genau wollten wir nochmal? Und das schönste daran: Es darf geträumt werden, was das Zeug hält. Dann erst geht es in die nächste Phase:

2. Das Planen – wie können wir nun diese Vision verwirklichen? Unsere Träume leben lassen? Was braucht es? Welche Arbeitsschritte sind notwendig und wer tut was?

3. Das Tun und Handeln – Und dann geht es ans Eingemachte. Es wird umgesetzt. Alles in der 2. Phase überlegte und durchdachte wird nun umgesetzt. Dabei wird immer die Vision aus Phase 1 im Kopf behalten. Gehandelt wird im Sinne der Zielerreichung.

4. Das Feiern – Erfolge müssen gefeiert werden. So kann man Druck und Anspannung der letzten 2 Phasen ablassen, sich gemeinsam über das erreichte freuen und dann viel entspannter weitergehen. Weiter Träumen. Weiter Planen. Weiter Handeln.

Es klingt alles danach, als wäre die letzte Phase die Schönste. Aber nach 3 Jahren in diesem Projekt kann ich sagen: Ich liebe sie alle. Ich bin eine Träumerin. Aber ich mag es auch mit engagierten Leuten am Tisch zu sitzen und zu überlegen: ‚Und nun: wie?‘ um dann loszustarten. „Let’s get it on!“ Und am Ende wird gefeiert. Ausgiebig.

Mittlerweile sind wir 50 Erwachsene. Das Projekt befindet sich in in verschiedenen Phasen. Während der Bau offensichtlich in der Tun & Handeln – also in der Bauphase ist, so wird heute auch die Dachgleiche gefeiert. Für uns ein großes Event, waren wir doch von der ersten Idee, dem ersten schwarzen Strich auf Papier dabei. Gleichzeitig planen wir weiter an unseren Wohnungen und müssen wichtige Entscheidungen für die Einrichtung treffen. Das Projekt will sich auch sonst engagieren, nicht nur ein großes Haus bauen. Dafür braucht es neue Ideen und Visionen. Da beginnt ein neuer Prozess.

Auf diesem Wege gibt es immer wieder Einzelne oder Kleingruppen, die sich für irgendetwas besonders einsetzen. Weil es ihnen liegt. Weil sie gute Kontakte haben oder besondere Fähigkeiten, die es für diese eine Aufgabe braucht. Und wenn dann etwas gelingt, wird diese Person oder Arbeitsgruppe gefeiert. Gefeiert im Sinne von: Wertgeschätzt.

Als wir noch 15 Leute waren, geschah dies auch hin und wieder über den Wertschätzungskreis.
Hier saßen wir in einem Kreis und jede Person durfte für 2 Minuten in die Mitte. Die anderen hatten in diesen 2 Minuten Zeit der Person etwas wertschätzendes zu sagen. Etwas, was sie beeindruckt, was sie vielleicht außergewöhnlich, oder auch einfach nur mal erwähnenswert fanden.

Als ich das erste Mal in diesem Kreis saß, fühlte ich mich nervös und knallrot. Gleichzeitig war ich überrascht, was die Menschen um mich herum zu mir sagten und offensichtlich von mir dachten. Es war eine Seelenmassage höchster Ordnung und nach 2 Minuten schwebte ich förmlich aus dem Kreis. Das wirklich wundervolle daran war jedoch: Ich war ja nicht die einzige, nicht die Königin im Mittelpunkt. Denn alle wurden für 2 Minuten seelenmassiert. Alle schwebten. Und alle hatten am Ende aufgetankt.

Das war der Moment, in dem ich den Unterschied zwischen Lob und Anerkennung erkannt hatte. Dass es nicht darum ging, etwas zu tun, um gelobt zu werden. Dass es mich nicht weiter brachte, wenn jemand etwas, was ich tat „Super!“ fand. Sondern dass wirklich ehrliche Worte beschrieben, was genau sie beeindruckt hat. Nicht unbedingt das, was ich tat. Sondern wie ich es tat. Und vor allem: So, wie ich war.

Seit ich 13-14 Jahre alt war, schrieb ich Texte. Gedichte, Geschichten, sonstiges. Und ich war stolz wie Oskar, wenn jemand „Toll!“ fand, was ich schrieb. Dann schrieb ich weiter und suchte diese Bestätigung wieder. Immer und immer wieder. Bis ich schrieb, um Bestätigung zu erhalten. Sobald diese kam, war ich glücklich. Bis das Gefühl abflaute. Der Text in Vergessenheit geriet. Dann musste schnell ein neuer her. Für das Gefühl, das Schöne. Aber kurze. Ein Auf und Ab. Aber keine Auseinandersetzung mehr mit dem, was ich eigentlich tat. Schreiben. Verarbeiten. Freude empfinden.
Heute schreibe ich viele Blogs. Wenn ich dann von jemandem höre: „Schön.“ oder „Toll.“ empfinde ich das als leer. Wenn jemand sagt: „Schön geschrieben.“ so ist es zumindest eine vage Auseinandersetzung mit der Art des Textes, der Wortwahl vielleicht, dem Aufbau des Posts. Erhalte ich jedoch Kommentare, die sich auf den Inhalt beziehen, befriedigt mich das wirklich und nachhaltig. Denn dann werde ich motiviert, mich weiter damit auseinanderzusetzen.  Und ich beschäftige mich weiter mit der eigentlichen Arbeit dahinter.

Und das ist es doch, was wir von unseren Kindern wollen. Dass sie Bilder malen, weil sie malen wollen. Dass sie einen Sport betreiben, der ihnen Spaß und Freude bereitet. Dass sie sich mit Themen befassen, weil sie diese interessieren. Und nicht, weil sie unsere Bestätigung, unser Lob wollen. Oder gute Noten (Leider ist das ein ganz großes anderes Thema…)
Also lobe ich auch Herrn Klein nicht. Wenn er zum Beispiel irgendwo hinaufklettert, oder es wagt das erste Mal von weit oben runterzurutschen. Wenn ich aber gesehen habe, dass ihn das Mühe oder Überwindung gekostet hat, dann erwähne ich das. Und sehe somit nicht nur das Ergebnis – diesen kurzen Moment. Sondern sein wirkliches Tun. Und ihn selbst.

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Pikler – ein Lebensstil

Wer mir hier auf diesem Blog, auf Facebook oder Twitter folgt, der weiß, dass der Name Pikler in meinem Leben eine große Rolle spielt. Auch privat werde ich oft angesprochen a la „Was sagt denn Frau Pikler dazu?“ Und tatsächlich habe ich anfangs genauso gedacht. Wenn ich nicht weiter wusste, schaute ich, was Emmi Pikler oder Magda Gerber zu sagen hatten. Doch bald merkte ich, das Pikler mehr war als nur schwarz oder weiß. Ja oder nein. Richtig oder Falsch.

Pikler ist bunt. Kunterbunt. Das mag man nicht so recht glauben, wenn man nichts außer ihren mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommenen Büchern kennt und sonst nichts. Wer sich im Zuge dessen bereits mit Magda Gerber angefreundet hat, der wird schon etwas farbenfroher in die Welt des Elternseins schauen.  Obwohl dazu natürlich auch die gewisse Portion an Selbstkritik und Reflexion gehört.

Aber was ist so viel mehr an Pikler, als ihr vehementes Befürworten der freien Bewegungsentwicklung und der ungeteilten Aufmerksamkeit während der Pflege ?

Gemeinsames Wachsen
Nun, es ist das Dazwischen. Viele glauben Pikler hieße, sein Kind den ganzen Tag lang am Boden liegend spielen zu lassen und sich nur während des Wickelns oder Fütterns wirklich mit ihm zu befassen. Wenn man jedoch einen einzigen kleinen Schritt hinzufügt, nämlich das Beobachten, dann ist man schon hundert Schritte weiter. Denn natürlich will kein Kind nur am Boden liegen und fröhlich glucksen. Die wenigstens geben sich mit einer liebevollen Pflegesituation zufrieden sondern fordern Mama und Papa wesentlich mehr. Manchmal sehr viel mehr, als wir gedacht hätten. Da hilft nur eins: Beobachten. Und zwar nicht nur das Kind und sein Tun und Handeln. Sondern das gesamte Rundherum. Unser Verhalten. Den Tagesablauf. Die Auswirkung von äußeren Einflüssen und Veränderungen. Entwicklungsbedingte Veränderungen. Eigene Prinzipien und deren plötzliche Verschiebung. Die eigene Partnerschaft. Bedürfnisse. Ängste.
Wenn man all das nun wirklich aufnimmt und miteinander in Zusammenhänge setzt, erzieht man plötzlich nicht sein eigenes Kind nicht mehr. Im Gegenteil. Man zieht und rückt an sich selber. Man schaut zurück auf die eigene Vergangenheit, die eigene Kindheit. Man überdenkt eigene Ansprüche und Vorstellungen. Und idealer weise kann man die noch mit dem Partner besprechen. Es entsteht ein Gemeinsames Wachsen. MIT dem Kind. Und das eigene Leben verschiebt sich. Ganz automatisch und leise.

Sich finden
In meinem Fall hat sich vieles verschoben. Dass ich unzufrieden mit meinem Job war, war schon lange vor der Schwangerschaft bekannt. Was ich jedoch stattdessen wollte, war immer ein großes Fragezeichen. Nach den ersten Besuchen im Spielraum war mir sehr klar, was es war, was ich wollte. Zumindest grob. Das ist nun 2 Jahre her und die Vorstellung wird bunter, aber auch dichter. Und bis zur Geburt und Karenzzeit mit Frau Klein habe ich Zeit, diese Vorstellung noch weiter zu detaillieren und auf mich wirken zu lassen. So dass ich dann neu und – man kann wohl sagen wohlüberlegt – in ein neues Abenteuer starten kann.

Viele (mich inbegriffen), die sich anfangs mit Pikler und ihren Prinzipien befassen, wollen aus lauter Begeisterung alle anderen davon begeistern und überzeugen. Das endet dann meist in unerwünschten Beiträgen und Kommentaren und Frustration auf vielen Seiten. Erst im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht darum geht, alle anderen mitzureißen. Sondern darum, erst einmal seinen eigenen Weg zu finden. Und auf das Handeln und Reden anderer nicht zu reagieren, so lange niemand konkrete Fragen stellt. Und selbst dann bedarf es der Überlegung, ob eine Antwort oder ein Ratschlag überhaupt möglich ist. Gerade auf Twitter ist das eine Herausforderung. Dort wird man täglich mit Elternfragen konfrontiert. Aber die wenigsten davon richten sich an ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen. Viele wollen einfach nur mal Dampf ablassen oder hören, dass sie nicht allein sind. Da muss man dann Weiterscrollen oder Ausschalten. Auch das geht nur, wenn man gut bei sich angekommen ist.

Weiterentwickeln
Zur gleichen Zeit, als ich begann mich mit der Piklerpädagogik auseinanderzusetzen, begann ich auch, die Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“ zu lesen. Wer diese kennt, weiß, dass sie auch immer wieder sehr buddhistische Ansätze beinhaltet. Dass es dort sehr viel um Achtsamkeit geht. Und darum, im Moment zu sein. Bei sich zu sein. Zur inneren Ruhe zu finden. Klarheit. Sicherheit.
Wenn man sich weiterführend mit der Piklerpädagogik befasst, so kommt man genau dort auch hin. Dann stößt man über die einzelnen Themen, die einen als Eltern beschäftigen, auf eben diese Themen. Wie wichtig und hilfreich Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit Kindern ist. Wie oft uns die Klarheit fehlt, die Sicherheit. Die innere Ruhe. Wie oft wir selbst nicht wissen, was uns eigentlich wichtig ist. Und was wir wollen.
Und so stellt man sich immer mehr Fragen. Und findet immer mehr Antworten. Antworten auf Fragen, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie unser Leben dominieren. Auch schon, bevor wir Kinder hatten.

Kommunikation
Als Mitglied eines Wohnprojektes mit 50 Erwachsenen, die gemeinsam ein Haus bauen und dort gemeinsam leben wollen, ist eine gewisse Bereitschaft zu gewaltfreier und offener Kommunikation notwendig. Da kommt man mit „So ein Blödsinn“ nicht weiter. Da braucht es ein „Was genau stört Dich daran?“ um auf rutschigen Böden nach Gründen zu suchen und auf viel zu hohen Leitern gemeinsame Lösungen zu finden.
Mit Kindern ist das nicht anders. Ein einfaches „Nein. So nicht.“ hilft selten. Auch ein „Stell Dich nicht so an!“ ist eher kontraproduktiv. Mit einem „Ich verstehe, dass Dir das schwer fällt.“ kann man jedoch mit dem Kind in Kontakt treten und auf wundersame Weise eine Kommunikation erzeugen, die leider selbst uns Erwachsenen oft nicht einfällt.

Kürzlich schrieb ein guter Bekannter in einer email an Freunde und Bekannte, dass seine Mutter verstorben sei. Ich wollte darauf antworten, aber fand keine Worte. Ein leeres „Herzliches Beileid“ kam mir nicht über die Tasten. Tage vergingen, weitere emails schoben die Unannehmlichkeit nach unten und ich vergaß darüber. Bis ich ihm persönlich gegenüberstand. Einige Wochen später. Und während ich früher in so einer Situation krampfhaft versucht hätte, das Thema zu meiden und in „hoffentlich beidseitiger Vergessenheit“ zu ahnen, fragte ich ihn einfach, wie es ihm ginge und ob er den Tod etwas verarbeitet hätte. Und plötzlich begann er zu reden. Ganz offen. Ganz ehrlich. Und ich brauchte nichts sagen, von all dem, was ich immer glaubte, was man so sagen muss, in so einem Fall. Ich musste nur zuhören und die passenden Worte kamen einfach so aus mir heraus. 

Da merkte ich, dass die Auseinandersetzung mit der Art der Kommunikation und überhaupt der Umgang mit Menschen, wie ich ihn in der Piklerausbildung kennenlerne, bereits in mich gesunken ist. Obwohl wir natürlich keine Dialoge lernen oder so etwas „üben“. Es ist ein Teil des Ganzen, der in einem wächst, wenn man bereit dazu ist.

Befreien von Dogmen
Wenn man einmal seinen Weg gefunden hat, dann fällt es schwer – wie oben angedeutet – ihn nicht gewaltsam anderen Menschen aufzudrücken.
Vor allem Emmi Pikler wird von vielen als dogmatisch verstanden, von vielen vielleicht auch so kommuniziert. Ihre Tochter Anna Tardos selbst sagte auf der letzten PiklerSpielraumtagung: „Man darf nicht kämpferisch sein. Das schadet und erschreckt.“
So ist es mit vielen Dingen im Leben. RaucherInnen und NichtraucherInnen, FleischesserInnen und VegetarierInnen, Religöse, Mehr- und Minderheiten sämtlicher Art können davon Lieder singen.
Ich war mal Raucherin und Fleischesserin. Und auch dogmatische Piklerverteidigerin. Heute beschäftige ich mich auch in verschiedenen Zusammenhängen mit Dr. Sears oder Rudolf Steiner. Nicht, weil ich alles, was sie sagen, plötzlich gut finde oder befürworte. Aber weil ich verstehen will, warum Eltern tun, was sie tun. Und wie man so vielleicht aus verschiedenen Ansätzen heraus viel buntere und durchaus weitreichend zufriedenere Lösungen finden kann.

Vieles von all dem oben gesagten kann man natürlich auch in anderen Lebensbereichen erfahren. Bewusst oder unbewusst. Einige tragen vieles bereits in sich, andere beschäftigen sich lange mit etwas, und kommen dennoch nicht an.
Ich habe all das zumindest indirekt durch die Auseinandersetzung mit der Piklerpädagogik erfahren, gelernt und verinnerlicht. Ich bin immer wieder überrascht wohin mich der Hinweis auf diesen einfachen Namen dieser ungarischen Kinderärztin, von der ich nie zuvor gehört hatte, geführt hat und immer noch führt. Für mich ist diese Pädagogik ein Lebensstil geworden, der in so vielen anderen Bereichen als in der Begleitung meines Kindes gelebt wird. Und ich bin gespannt, wo ich letztendlich wirklich gänzlich dadurch ankommen werde.

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