„Muss Pipi“ – Sauber werden statt sauber trainieren

IMG_3915Herr Klein ist gestern 3 geworden. Heute hatten wir Freunde zum Feiern eingeladen und mit 3 Buben im Alter zwischen 1 und 5 ging es hier ziemlich zur Sache. Plötzlich stand Herr Klein in der Tür und sagte „Mama, muss Pipi.“ Ich fragte, ob ich mitkommen soll zum Topf, aber er schüttelte den Kopf: „Hab schon in die Windel gemacht. Neue Windel anziehen?“ Ich ging mit ihm in sein Zimmer und wechselte seine Windel. Und war froh, dass er nach wie vor nach ihr verlangt.

Für viele scheint ein/e Dreihjährige/r sehr alt für Windeln. Die meisten Kinder werden vorher oder spätestens um den dritten Geburtstag herum zum Sauberwerden trainiert. Aber ich bin der Meinung, dass jedes Kind sauber wird. Von allein. Ohne Training. Ohne Dressur. Kein Belohnen und kein Bestrafen. Weil es ein natürlicher Prozess ist. Der dann stattfindet, wenn das Kind bereit ist.

Es gibt verschiedene Meinungen über die Anzeichen der „Sauberkeitsreife“ . Manche meinen, dass, wenn Kinder Stiegen im Wechselschritt gehen können, sie physisch bereit sind. Andere sagen, es hängt mit dem Ich-Verständnis zusammen. Ein psychischer Schritt. Letztendlich steht jedoch fest: Man wird es nicht übersehen, wenn ein Kind bereit ist.

Herr Klein hat vor ca. einem Jahr das erste Mal im Kindergarten in den Topf gemacht. Ein großes Geschäft und ein noch größeres Trara drumherum. Die Pädagoginnen waren sofort dahinter und der Meinung er wäre nun bereit und könne „trainiert“ werden. In ihrem Fall hieß das: Alle halbe Stunde fragen, ob die Kinder aufs Klo müssen. Den Topf bis zum Mittagstisch und in den Garten hinterhertragen.
Als wir darum baten, dies mit Herrn Klein nicht zu tun, erhielten wir erstaunte, fragende Gesichter. Wenig Verständnis und ab da immer wieder gut gemeinte Ratschläge und die Windeln zurück, die wir ihm am Morgen daheim angezogen hatten. Weil sie ihm nach seiner Ankunft im Kindergarten immer wieder sofort die Windel gegen die Unterhosen tauschten.

Was ich dagegen habe, dass mein Kind alle halbe Stunde an den Topf erinnert wird?
Nun, das eigentliche Ziel ist doch, dass ein Kind
1. erkennt, wann es aufs Klo muss und
2. die Blase so kontrollieren kann, dass es rechtzeitig dorthin schafft bzw. es schafft aufzuhalten, bis ein Topf oder WC erreichbar sind. Wenn ich das Kind nun alle halbe Stunde erinnere, führt das dazu, dass Kinder oft aufs Klo gehen, obwohl die Blase nicht wirklich voll ist. Sie bleiben zwar so oft den ganzen Tag über „trocken“ (so auch im Fall von Herrn Klein), aber es führt nicht dazu dem eigenen Gefühl, dem eigenen Körper zu lauschen und zu folgen. Es ist tatsächlich eine Art Training, aber keine wirkliche eigenständige Entwicklung.

„Die Forderung, dass ein Kind seine Exkremente zu einem vom Erwachsenen geforderten Zeitpunkt in den Topf macht, nimmt dem Kind die Möglichkeit, bestimmte Eigenschaften seines Körpers selbst kennenzulernen und sich bewusst zu werden, dass es von einem gewissen Reifegrad an die Kontrolle über seine Schließmuskeln ausüben kann.“

„Es gibt unzählige Mütter, die stolz darauf sind, dass ihr Kind früh „sauber“ wurde, es jedoch normal finden, dieses Kind noch im Alter von fünf oder sechs Jahren daran zu erinnern, auf die Toilette zu gehen (…). Das Training hat dem Kind nicht die Schwierigkeit abgenommen, sich selbst entscheiden zu müssen, es jedoch verwirrt und hinsichtlich und hinsichtlich seiner eigenen Körperfunktionen in Abhängigkeit gehalten.“
(aus „Abschied von der Windel“)

Darüber hinaus wird ein Kind auf diese Art und Weise immer wieder aus der Beschäftigung / dem Spiel gerissen. Das Thema Klo nimmt eine enorme Wichtigkeit ein und bestimmt den Tag. Dabei gibt es im Alter von 2, 3 Jahren wesentlich Wichtigeres, als ständig auf den Topf zu laufen.

Was ich dagegen habe, dass mein Kind Unterhosen trägt, bevor es wirklich „sauber“ ist?
Die heutige Situation mit Herrn Klein hat gezeigt, dass es besser ist, dass Herr Klein noch eine Windel trägt. Im größten Trubel, wenn er müde ist oder zu beschäftigt, schafft er es nicht rechtzeitig aufs Klo. Das heißt, dass er noch nicht komplett „trocken“ ist. Denn kein Erwachsener ist je zu müde oder zu beschäftigt, um es nicht doch noch aufs Klo zu schaffen. Oder?
Wenn ein Kind nun dennoch Unterhosen trägt, führt das zu den sogenannten „Unfällen“. Diese halte ich jedoch für unnötig. Sie tun dem Kind absolut nichts Gutes. Es ist unangenehm in nasser Hose dazustehen, nicht selten umgeben von Fremden oder zumindest anderen Kindern. Auch Kinder haben ein Recht auf Intimsphäre und können vor diesen Unannehmlichkeiten bewahrt werden.

Vor allem in der heutigen Zeit mit den Höschenwindeln ist es einfach, einen Mittelweg zwischen Windeln und Unterhosen zu gehen. Die Kinder sind sicher verpackt, können sich aber die Windel am Klo dennoch sehr schnell selbst runterziehen.

Oft steht im Vordergrund die Angst, dass ein Kind, solange es Windeln trägt, nie davon loskommen wird. Auch das ist eine Fehleinschätzung unserer Kinder. Kinder wollen groß werden. Sie wollen so werden wie wir. Wollen allein Essen und Trinken, sich allein An- und Ausziehen und wollen auch irgendwann allein aufs Klo.
Natürlich kann man Unterhosen anbieten, wenn man merkt, dass ein Kind sehr regelmässig und zuverlässig aufs Klo geht. Dennoch sollte man ein Nein auf dieses Angebot akzeptieren.

 

Herr Klein trägt nun also nach wie vor Windeln. Wir bieten ihm morgens beides an und er wählt recht konsequent die Windeln. Vor ein paar Wochen fiel uns auf, dass er das große Geschäft grundsätzlich rechtzeitig ansagend in den Topf macht, statt in die Windel. Gleiches geschieht momentan mit dem kleinen Geschäft. Ohne unser Zutun, ohne Druck, ohne Belohnung. Eine ganz eigenständige Entwicklung.

Warum ich nichts davon halte Kinder für einen erfolgreichen Klobesuch zu belohnen?
Wie oben schon beschrieben ist das Sauberwerden ein natürlicher Prozess, den ALLE gesunden Kinder durchleben. So wie die motorische Entwicklung oder die Sprachentwicklung.  Ich kann mich also mit meinem Kind freuen, wenn es von allein auf den Topf wollte und diesen mit Inhalt gefüllt hat. Natürlich mag das Kind stolz darauf sein und es sogar „aufheben“ wollen. All das kann ich freudig begleiten. Aber eine Belohnung führt in solchen Fällen eher dazu, dass Kinder womöglich öfter als notwendig den Topf oder das Klo aufsuchen und wiederum die Blase entleeren, wenn sie noch gar nicht wirklich voll war. Ist das ein Problem? Muss es nicht sein, kann es aber werden. In den ersten Jahren ist die Blase noch im Wachstum. Wenn sie nie wirklich gefüllt wird, wird das Volumen nie voll ausgenutzt und die Blase bleibt eher klein. Das kann dazu führen, dass man auch im Erwachsenenalter auf Grund dieser eher kleinen Blase recht häufig urinieren muss.

Abgesehen davon sind meines Erachtens nach Belohnungen prinzipiell kontraproduktiv (siehe auch ein früherer Post „Siehst Du mich“ von mir zu dem Thema oder wunderbar beschrieben im Artikel von Alfie Kohn „5 Gründe gegen gut gemacht!“), vor allem aber in entwicklungsbedingten Schritten absolut unnötig. Ein Kind lernt laufen, auch wenn ich es nicht für jeden vorherigen motorischen Milestone belohne. Und so lernt ein Kind auch die Blasenkontrolle, ohne, dass ich es für jedes Wasserlassen am Klo oder Topf lobe.

Schlussendlich gehört es auch akzeptiert, dass Kinder einen eigenen Körper haben, an den sie sich gewöhnen wollen. Den sie kennenleren und in dem sie sich wohlfühlen sollen. Die vollständige Blasen- und Darmkontrolle ist eine sehr intime Entwicklung, die viel mit dem eigenen Körpergefühl zu tun hat. Es ist ein sensibles Thema, das man sensibel begleiten sollte. Die Signale des eigenen Körpers zu erkennen und ihnen folgen zu können ist unser ganzes Leben lang wichtig und notwendig. Erlauben wir das unseren Kindern von Anfang an.

 

weiterführende Links und Literatur
„Abschied von der Windel – Die Kontrolle der Schließmuskeln und die Entwicklung des kindlichen Selbstbewusstseins“ Judit Falk, Maria Vincze

„In her own time: Learning to use the toilet“ 

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Daumen hoch !

IMG_3747Frau Klein hat die letzten Tage ausschließlich daran gearbeitet ihren Daumen Richtung Mund zu befördern. Es war sehr spannend zu beobachten. Wie sie anfangs den Daumen in die Faust gepresst hielt, so dass, selbst wenn die Hand in der Nähe vom Mund landete, keine Chance für den Daumen bestand, hineinzuflutschen. Mittlerweile weiß sie, dass sie den Daumen abspreizen muss. Dennoch ist sie noch weit entfernt davon den Daumen dafür zu verwenden, wofür sie ihn braucht.

 

Ich weiß, dass bei vielen Eltern in diesem Moment alle Alarmglocken läuten, dass sie immer und immer wieder die Hände der Kinder aus dem Mund nehmen oder auch stattdessen den Schnuller anbieten. Und das ist ok. Denn wenn man als Eltern nicht überzeugt ist vom Daumenlutschen und seinem Kind unglücklich dabei zusieht, kann der Daumen schnell zu einem Problem für die Beziehung zwischen Eltern und Kind werden. Spannungen aufbauen. Hier beschreibe ich lediglich, warum ich meine Kinder nicht davon abhalte.

Herr Klein hat ebenfalls mit ca. 9 Wochen den Daumen für sich entdeckt. In 2 Wochen wird er 3 und sein Daumen ist nach wie vor sein ständiger Begleiter. Ich bin froh darüber, denn in meinen Augen hat das Daumenlutschen entschiedene Vorteile.

Innerer Trieb
Beide Kinder haben ganz von sich aus begonnen mit ca 7-8 Wochen die Hände Richtung Mund zu bewegen. Natürlich machen das alle Kinder, es ist Teil der Bewegungsentwicklung. Dennoch finde ich es wieder spannend zu sehen, wie scheinbar natürlich dieser Vorgang ist und wie er ganz automatisch dazu führt, dass Kinder Daumen, Finger oder Teile der Faust in den Mund stecken und daran lutschen oder saugen. Es ist ein innerer Trieb, den ich keinesfalls unterbinden möchte.

öko
Ich bin wohl oder übel eine Ökotussi. Ich versuche bewusst nachhaltig zu leben und Dinge, die unnötig sind, zu vermeiden. Vor allem wurmt es mich, von wie viel Plastik wir in unserem Leben umgeben sind. Die Babyabteilungen in Drogeriemärkten schocken mich – Plastikflaschen, Beißringe aus Plastik, Plastiklöffel, Schnuller… All das versuche ich weitestgehend zu vermeiden.

Immer da
Der Daumen landet dann im Mund des Kindes, wenn es motorisch dazu bereit ist. Und ab diesem Moment kann es ihn jederzeit verwenden. Er fällt nicht runter, nicht außer Reichweite. Er verschwindet nachts nicht in den Weiten des Bettes. Statt dem unermüdlichen Rufen nach den Eltern reicht eine Bewegung und das vertraute Ding ist da, wo es gebraucht wird.

Immer „sauber“
Nun, Kinderhände sind meist alles andere als sauber. Aber ihre Hände sind immer so dreckig wie die Umgebung, die sie erreichen können. Babies liegen anfangs nur auf Decken und somit ist der Daumen nie am dreckigen Boden, auf der Straße oder irgendwo, denn er fällt nicht runter. Er muss nicht desinfiziert werden. Wenn das Kind größer wird, der Daumen dreckiger, dann ist das Kind generell so mobil und motorisch entwickelt, dass es sich – ob Schnuller oder Daumen – sämtlichen Dreck direkt in den Mund stecken kann. Das ist dann wohl der allmähliche Aufbau des Immunsystems…

BeruhigungsHILFE
Wenn Herr Klein am Daumen lutscht, weiß ich, dass er etwas verarbeitet oder müde ist. Ich weiß aber, dass es nichts ist, wozu er mich dringender bräuchte als seinen Daumen. Denn wenn ihn etwas beschäftigt, was er nicht durch Daumenlutschen allein schafft, dann meldet er sich. Lautstark. Somit weiß ich, dass der Daumen ihn nicht ruhig stellt oder er dadurch Probleme „in sich aufsaugt“. Denn durch das Daumenlutschen hat er von Anfang an selbst beschlossen, wann er diese Beruhigungshilfe einsetzen will und kann. Und wann sie ihm nicht ausreicht. Niemals hätte ich ihm in unruhigen Nächten (Zähne oder Verarbeitung) den Daumen von mir aus in seinem Mund stecken können. Wenn er wach war, schrie oder weinte und nicht zur Ruhe kam, lag es an mir herauszufinden, was los war. Herausfordernd ja.

im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.
im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.

Das Daumenlutschen wird deutlich weniger, wenn die Kinder mobiler werden. Wenn sie bewusst nach Spielzeugen greifen und vor allem, wenn sie beginnen zu krabbeln. Ein Schnuller bleibt da doch gern im Mund stecken, denn die Hände sind ja frei. Er ist eben kein Stöpsel, den man erst aktiv ziehen und beiseite legen muss.

Sprache
Die Gefahr die Sprachentwicklung zu behindern oder zu beeinträchtigen ist beim Daumen wesentlich geringer. Denn wenn das Kind etwas sagen will, so nimmt es automatisch den Daumen aus dem Mund.

Ich streite nicht ab, dass der Daumen seine Nachteile hat: 

Zahnfehlstellung
Das ist wohl die erste Hauptangst der Eltern, wenn sie ihr Kind am Daumen lutschen sehen. Fakt ist, dass für die Zahnstellung der Kinder auch die Gene verantwortlich sind. Und dass ein Schnuller keine Garantie dafür ist, dass das Kind keine Zahnspange benötigt.
Ich selbst habe bis zum Teenageralter Daumen gelutscht. Die Aussage des Kieferorthopäden ich bräuchte eine Zahnspange, ignorierte meine Mutter. Wenige Jahre später mussten mir alle 4 Weisheitszähne herausoperiert werden. Diese neu entstandenen Lücken lösten meine Zahnstellung so, dass ich heute keinerlei Überbiss mehr habe. Mein Mann, der weder Daumen noch Schnuller nahm als Kind, hat Zähne im Mund, die wie Kraut und Rüben stehen…

nach dem Einschlafen fällt er von allein raus...
nach dem Einschlafen fällt er von allein raus…

Abgewöhnen
Die Panik, das Kind könnte mit 6 daumenlutschend eingeschult werden, scheint groß bei den Eltern. Damit verbunden die Angst um die Zähne, klar.
Aber keine Sorge liebe Eltern – hier leistet die Gesellschaft ihre Dienste. Oft werde ich auf das „arme daumenlutschende Kind, das keinen Lulli haben darf“ angesprochen. Schlimmer noch – Herr Klein wird direkt darauf aufmerksam gemacht. Die Großeltern reisen immer wieder mit dem Spruch „Lutscht Du immernoch am Daumen?“ an. Das einzige was ich dabei tue, ist ihn unterstützen in dem, was er braucht: den Daumen.
Somit wird er nach und nach sehen, dass das Daumenlutschen wohl etwas „außergewöhnlich“ ist. Es – so wie ich damals – irgendwann tagsüber selbst einstellen. Und ob er mit 10 oder 16 zum Einschlafen noch am Daumen lutscht, ist dann schlichtweg seine Entscheidung.

Das mag makaber klingen. Aber ab einem gewissen Alter übergebe ich gewisse Verantwortungen an mein Kind. Natürlich werde ich es vorher unterstützen und beobachten, ob es den Daumen wirklich noch braucht und wann. Einen wundervollen Artikel hierzu findet man auf www.handinhandparenting.org. Denn nein – ich ignoriere das Daumenlutschen nicht völlig. Natürlich ist mir wichtig, dass es nicht nur zu einer passiven einlullenden Gewohnheit wird.

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Autos beim Parken und Rangieren zuschauen – aufsaugen mit allen Sinnen.

Wie gesagt habe ich selbst lange Zeit Daumen gelutscht. Es war so weit, dass ich mit meiner Mutter gemeinsam versuchte mit Hilfe von Pflastern oder Cremes dem Daumenlutschen ein Ende zu setzen. Nichts von all dem half. Wie es mir letztendlich gelang, weiß ich nicht einmal mehr. Auch nicht genau wann.

Ich verurteile keine Eltern, die ihren Kindern lieber den Schnuller geben, weil sie dabei doch etwas mehr „Möglichkeiten“ haben, wenn es ums Abgewöhnen geht. Und davon abgesehen gibt es ja Kinder, die weder noch brauchen. Es ist wie gesagt eine Entscheidung, die jede Familie für sich treffen muss. Mit allen Konsequenzen. Ich für mich, bin jedenfalls überzeugt vom Daumen. Und schaue weiter fasziniert zu, wie Frau Klein übt und probiert. Rechts oder links – das ist noch offen.

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Spaß 06/13 – frei und offen

Spiel2

In Wien geht gerade das Buhlen um Krippen- und Kindergartenplätze in die letzte Runde. Die Zu- und Absagen der Stadt Wien fliegen in die Briefkästen und dementsprechend werden private Einrichtungen besichtigt und unter die Lupe genommen. Die große Frage dabei ist ja – worauf achte ich bei so einer Besichtigung?

Wir selbst haben die damalige Krippe von Herrn Klein nicht besichtigt. Über eine Freundin, die diese Krippe leitete, sind wir dort überhaupt nur hineingekommen und das direkt nach der Eröffnung. Es gab von daher gar keine wirkliche Möglichkeit für eine Besichtigung der Einrichtung „im Betrieb“. Und selbst wenn, viele Dinge fand ich dort einfach so unsagbar toll, dass mir das Wesentliche, das, was gefehlt hat, gar nicht aufgefallen wäre. Und schon gar nicht die Auswirkung dessen. Deshalb möchte ich es hier besonders betonen.

Was es in dieser Montessori Krippe nicht gab, war freies, offenes Spielmaterial.

Der Raum war hell und ordentlich. Sehr übersichtlich und die Regale nicht vollgestopft mit Spielzeug, was ich sehr ansprechend fand. Die Wände waren leer, alles nur bis zur Höhe der Kinder bestückt. Darüber Ruhe in Weiß. Es gab eine Treppe zum Klettern und einen freien Bereich für den Morgenkreis. Eine Leseecke mit Sofa und einen Küchenbereich mit Abwäsche und Geschirrschränken auf Höhe der Kinder. Einen Tisch mit Papier und Stiften.

In den Regalen standen fein säuberlich „Materialien“:

– Eine Dose mit Schlitz und eine Schale mit Knöpfen daneben – Ziel: Knöpfe in die Dose

– Ein Tablett mit 4 Korken, 4 Gläschen und einer Zuckerzange – Ziel: Mit der Zange die Korken in die Gläschen stecken

– eine Schale mit Tieren und zugehörige Bilder der Tiere – Ziel: Zuordnung

… und so weiter und so fort. Alles hatte ein klares Ziel, einen didaktischen Hintergrund. Aber keine dieser Materialien lud zum freien Experimentieren ein. Alles hatte seine Grenzen. Noch schlimmer: wenn diese überschritten wurden, wurde das Material von der Pädagogin weggeräumt (so z.B. als die Spardose in Form eines London Bus tatsächlich als BUS und nicht als Spardose verwendet wurde).

Aber gerade für Kinder im Alter von 0-3 ist das freie Spiel mit offenem Material so wichtig. Sie wollen erforschen und experimentieren. Sie wollen Bauen, Sammeln, Stapeln, Reihen etc.

Die Anfangsformen des Bauens: etwas auf einen Gegenstand „drauftun“, wiederholtes Aufstellen, Ordnen in Gruppen und Reihen und Ineinander- oder Übereinanderschieben, beobachten, wir natürlich nur dann beim Spiel des Kindes, wenn es in seiner Umgebung die dazu nötigen Gegenstände findet. Es ist ganz verschiedene, welche Variante das Kind zuerst entdeckt und wie die Entdeckungen aufeinander folgen. Auch gibt es individuelle Unterschiede, welches Kind dieses oder jenes Spiel besonders gern hat und häufiger wiederholt. 
Diese Art der Betätigung ist etwa bis zum dritten Lebensjahr charakteristisch. Aber auch das ältere, reifere Kind kehrt zeitweise zu vertrauten Spielformen zurück oder bezieht sie in sein weiter entwickeltes Siel mit ein: stellt Kegel in eine Reihe und teilt nach einer Weile mit: „Das ist ein Zaun.“ (Aus „Von den Anfängen des freien Spiels“, Éva Kálló und Györgyi Balog)

Hier ein paar Beispiele für offenes Material:

Bausteine

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klassisches Duplo
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große Holzbausteine (in dem Fall Abfall von unserem Bettenbau)

 

 

 

 

 

Kapla Steine
Kapla Steine

Körbe & Schüsseln
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Stapelbecher
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Ringe und Scheiben
IMG_3733Autos & Züge
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Übersehen wir nicht: Spielsachen, die wir Kindern in die Hand geben, kommen Spielvorschlägen gleich; und je komplizierter diese sind, umso eher machen wir die Kinder von uns abhängig. (Anke Zinser in „Von den Anfängen des freien Spiels“)

 

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