Spaß 06/13 – frei und offen

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In Wien geht gerade das Buhlen um Krippen- und Kindergartenplätze in die letzte Runde. Die Zu- und Absagen der Stadt Wien fliegen in die Briefkästen und dementsprechend werden private Einrichtungen besichtigt und unter die Lupe genommen. Die große Frage dabei ist ja – worauf achte ich bei so einer Besichtigung?

Wir selbst haben die damalige Krippe von Herrn Klein nicht besichtigt. Über eine Freundin, die diese Krippe leitete, sind wir dort überhaupt nur hineingekommen und das direkt nach der Eröffnung. Es gab von daher gar keine wirkliche Möglichkeit für eine Besichtigung der Einrichtung „im Betrieb“. Und selbst wenn, viele Dinge fand ich dort einfach so unsagbar toll, dass mir das Wesentliche, das, was gefehlt hat, gar nicht aufgefallen wäre. Und schon gar nicht die Auswirkung dessen. Deshalb möchte ich es hier besonders betonen.

Was es in dieser Montessori Krippe nicht gab, war freies, offenes Spielmaterial.

Der Raum war hell und ordentlich. Sehr übersichtlich und die Regale nicht vollgestopft mit Spielzeug, was ich sehr ansprechend fand. Die Wände waren leer, alles nur bis zur Höhe der Kinder bestückt. Darüber Ruhe in Weiß. Es gab eine Treppe zum Klettern und einen freien Bereich für den Morgenkreis. Eine Leseecke mit Sofa und einen Küchenbereich mit Abwäsche und Geschirrschränken auf Höhe der Kinder. Einen Tisch mit Papier und Stiften.

In den Regalen standen fein säuberlich „Materialien“:

– Eine Dose mit Schlitz und eine Schale mit Knöpfen daneben – Ziel: Knöpfe in die Dose

– Ein Tablett mit 4 Korken, 4 Gläschen und einer Zuckerzange – Ziel: Mit der Zange die Korken in die Gläschen stecken

– eine Schale mit Tieren und zugehörige Bilder der Tiere – Ziel: Zuordnung

… und so weiter und so fort. Alles hatte ein klares Ziel, einen didaktischen Hintergrund. Aber keine dieser Materialien lud zum freien Experimentieren ein. Alles hatte seine Grenzen. Noch schlimmer: wenn diese überschritten wurden, wurde das Material von der Pädagogin weggeräumt (so z.B. als die Spardose in Form eines London Bus tatsächlich als BUS und nicht als Spardose verwendet wurde).

Aber gerade für Kinder im Alter von 0-3 ist das freie Spiel mit offenem Material so wichtig. Sie wollen erforschen und experimentieren. Sie wollen Bauen, Sammeln, Stapeln, Reihen etc.

Die Anfangsformen des Bauens: etwas auf einen Gegenstand „drauftun“, wiederholtes Aufstellen, Ordnen in Gruppen und Reihen und Ineinander- oder Übereinanderschieben, beobachten, wir natürlich nur dann beim Spiel des Kindes, wenn es in seiner Umgebung die dazu nötigen Gegenstände findet. Es ist ganz verschiedene, welche Variante das Kind zuerst entdeckt und wie die Entdeckungen aufeinander folgen. Auch gibt es individuelle Unterschiede, welches Kind dieses oder jenes Spiel besonders gern hat und häufiger wiederholt. 
Diese Art der Betätigung ist etwa bis zum dritten Lebensjahr charakteristisch. Aber auch das ältere, reifere Kind kehrt zeitweise zu vertrauten Spielformen zurück oder bezieht sie in sein weiter entwickeltes Siel mit ein: stellt Kegel in eine Reihe und teilt nach einer Weile mit: „Das ist ein Zaun.“ (Aus „Von den Anfängen des freien Spiels“, Éva Kálló und Györgyi Balog)

Hier ein paar Beispiele für offenes Material:

Bausteine

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klassisches Duplo
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große Holzbausteine (in dem Fall Abfall von unserem Bettenbau)

 

 

 

 

 

Kapla Steine
Kapla Steine

Körbe & Schüsseln
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Stapelbecher
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Ringe und Scheiben
IMG_3733Autos & Züge
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Übersehen wir nicht: Spielsachen, die wir Kindern in die Hand geben, kommen Spielvorschlägen gleich; und je komplizierter diese sind, umso eher machen wir die Kinder von uns abhängig. (Anke Zinser in „Von den Anfängen des freien Spiels“)

 

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SaD 05/13 – Wasser marsch !

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Wasser ist ein sehr sinnliches Element. Kinder, die sich vor dem Wasser fürchten, ungern baden oder planschen, KÖNNEN sich unter Umständen selbst ein wenig im Weg stehen, weil ihnen sehr angenehme sinnliche Erfahrungen entgehen können. Das kommt natürlich auf den Grad der Wasserabneigung an und kann entsprechend angeschaut werden, um zu sehen, ob man entgegensteuern sollte.

 

Herr Klein war lange Zeit wasserscheu. Baden war teilweise ein Akt, nach dem ich das Jugendamt vor der Wohnungstür befürchtete, vom Haare waschen ganz zu schweigen. Selbst die Hände wollte er nicht unter den Wasserhahn halten. Ich hielt das lange Zeit für nichts Besonderes und ließ ihm Zeit. Im Sommer war das nicht immer leicht. Aber Geduld war hier mal wieder die beste Strategie und heute ist er teilweise aus der Badewanne nicht herauszubekommen. Umso wichtiger ist es mir, dass er eben diese Zeit dort ausgiebig genießen kann.

Ich versuche also Sätze wie „Mach nicht alles nass!“ zu vermeiden. Kinder – vor allem Stadtkinder – sind sehr häufig eingeschränkt in ihrem Tun. Der Sand bleibt im Sandkasten, Betreten der Wiese verboten, keine Ballspiele im Hof etc… Umso wichtiger also, dass sie die Möglichkeit bekommen, einmal grenzenlos zu spielen. Und erstaunlicherweise sind das oft die Momente, in denen die wenigste Sauerei entsteht…

Es muss auch gar nicht viel Spielzeug her. Wir hatten zur Geburt von Herrn Klein diverse Quietschenten und Wassertiere geschenkt bekommen. Das einzig spannende daran war jedoch, diese von der Badewanne aus Richtung Wäschekorb zu werfen und hinein zu treffen – oder auch nicht. Da sie sonst mit etwas Wasser gefüllt am Wannenrand saßen und ein trauriges Leben fristeten, von innen her grünlich verschimmelten, landeten sie im Müll. Stattdessen ist nun ein wenig Küchenzubehör ins Bad eingezogen und führt zu viel mehr wirklichem Wasserspaß.

Eine Teekanne… endloses Füllen und Schütten… Kaffeekochen…

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ein Holztrog… Füllen und Schütten in größerem Ausmaß…

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ein Nudelsieb… in abgewandelter Form zum Eierkochen verwendbar wie man sieht…

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oder aber auch zum Drehen… Drehen… Drehen….

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Handtücher…
ins Wasser getaucht und umgehangen…

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… fördern so auch die Tiefensensorik. Und sind auf Grund der Schwere die besondere Herausforderung…

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Wieder einmal zeigt sich – alles was man braucht ist Zeug. Und etwas Gelassenheit. Aber so einen Badezimmerboden kann man ja nicht oft genug wischen…

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Dieser Moment: Wenn ich esse, esse ich…

Das ist ein erster Post in der Reihe „Dieser Moment“, in der ich wesentliche Momente in der Zeit mit dem Baby und Kleinkind einfangen will. Die so wertvoll sind, so wichtig und ja – oft so einfach. Zu einfach ?

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Unter sämtlichen anderen Themen wird vor allem auch die Wahl zwischen Brust oder Flasche besonders heftig diskutiert. Da werden Frauen verachtet, die sich von vornherein dagegen entscheiden ihr Kind zu stillen, es gibt skeptische Blicke gegenüber denen, die recht bald „aufgeben“. Nur selten wird hinterfragt warum und selbst wenn – man bleibt misstrauisch. Was ich dabei schade finde, was sehr sehr häufig in dieser Debatte vergessen wird: Essen ist auch Zuneigung. Nähe. Kontakt. Und all das ist sowohl als auch möglich. Mit Brust und mit Flasche.

Für viel wichtiger halte ich es nämlich, dass sich Eltern bewusst werden, wie wichtig dieser Moment an sich ist. Diese Zweisamkeit, Vertrautheit, Nähe. Der Kontakt während ein Grundbedürfnis Nummer 1 gestillt wird – Essen. Dabei hat eine Mutter, die aus welchem Grund auch immer nicht stillen kann / will genau die gleiche Chance mit ihrem Baby in Kontakt zu treten, wie eine, deren Milch ausreichend fließt (oder wie ein Vater, eine Oma, eine Betreuungsperson…). Wenn sie nur einfach DA ist. Ihr Kind hält und den Rest der Welt einfach einmal ausblendet. Kein Handy, kein Fernsehen, kein Internet.

Viele Mütter nutzen vor allem die Zeit des Stillens für all diese Tätigkeiten. Und ich finde das oft schade. Denn hier kann man wirklich auf ganz einfache Art und Weise mit dem Baby in Beziehung treten, ihnen vermitteln: Ich sehe Dich. Ich bin bei Dir. Du bist mir wichtig. Die meisten Babies schauen mit ihren großen Augen zu uns auf, wenn wir sie stillen oder mit der Flasche füttern. Wie fühlt es sich wohl an, wenn wir dabei aber komplett abgelenkt in einer anderen Welt surfen. Das Flackern des Fernsehers sich in unseren Augen spiegelt oder wir mit jemandem in ein Gespräch vertieft sind, teilweise nicht einmal mitbekommen, dass sich unser Baby aus Versehen abgedockt hat oder die Flasche daneben rinnt.

Immer wieder jammern wir, dass die Zeit so schnell vergeht. Die Babies so schnell groß werden und man zu schnell vergisst. Aber im Gegenzug schaffen wir es ja nicht einmal, im eigentlichen Moment da zu sein und zu genießen. Schaffen es nicht, mal den Rest der Welt auszublenden und blenden stattdessen unser Kind aus. Sind Tanktstelle oder Bar. Mehr nicht.

Natürlich ist mir bewusst, dass es Babies gibt, die sehr lange oder häufig stillen und somit ein Großteil des Tages damit verbracht wird, irgendwo zu sitzen und zu warten, dass es satt wird. Dass einem da mal fad wird oder man sich unsozial und gefangen fühlt, verstehe ich. Genauso gibt es die Mehrfachmütter, die nicht den ganzen Tag allein mit ihrem Baby daheim sitzen und sich um niemanden anderen kümmern müssen. Einen Dreijährigen kann man nicht einfach „ausblenden“, während man das Baby stillt. Aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich nachmittags Frau Klein stille während Herr Klein mal leiser mal lauter spielt oder umher wirbelt, dann kann ich nicht nur bei ihr sein. Dann kann ich ihr aber zumindest sagen: „Das ist Dein Bruder. Der macht jetzt dies und das.“ Und schon bin ich wieder mit Frau Klein in Kontakt und sie weiß zum einen, warum ich etwas abwesender bin als vormittags und zum anderen, was der Hintergrundlärm ist.

Wenn unsere Kinder älter werden, wünschen wir uns, dass sie mit uns am Tisch sitzen. Dass sie essen, bis sie satt sind und mit Freuden mit uns die Zeit am Familientisch verbringen. Dass sie dabei später nicht in ihre Handys starren oder auf den flackernden Fernsehschirm. Warum also malen wir ihnen in ihren ersten Lebensmonaten ein Bild von etwas, was wir uns selbst so nicht wünschen?

 

weitere links zum Thema:
Janet Lansbury „Beyond Bottles and Breasts“
Mamas in the Makind: „The fuss about feeding“

 

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