Großer Bruder. Kleine Schwester.

IMG_3717Seit 3 Monaten sind wir nun zu viert. Es geht seitdem auf und ab. Gute Tage. Schlechte Tage. Gute Nächte. Und die anderen. Kurz und gut: Es ist kunterbunt im Hause Buntraum. Ich bin froh, dass ich auf einige Dinge im Vorfeld hingewiesen wurde, was das Leben zu viert betrifft. Einige habe ich in den letzten 3 Monaten im Crashkurs gelernt. Über vieles habe ich bereits da und dort geschrieben. Für Euch gibt es nun hier ein kleine Sammlung meiner Erkenntnisse:

 


Große Erwartungen
Kinder reagieren im Vorfeld der Geburt eines Geschwisterchens sehr unterschiedlich. Manche sind gespannt, aufgeregt und in freudiger Erwartung. Manche lehnen das Baby im Bauch schon ab und manche, so wie Herr Klein, äußern sich gar nicht zu dem Thema und zeigen keinerlei Interesse. Aber egal wie – kein Kind kann wirklich ahnen, was es bedeutet, wenn das neue Baby erst einmal da ist. Und wenn es dann so weit ist, sind nicht nur wir überwältigt, sondern auch unsere Kinder. Das kann also bedeuten, dass sie das Baby weniger freudig und jubelnd begrüßen, als wir uns das vielleicht vorgestellt oder gewünscht haben. Wir sollten das dennoch akzeptieren und dem Kind Zeit geben, bis es von sich aus bereit ist, das Geschwisterchen zu begrüßen. Oder auch nur skeptisch anzuschauen. Im Gegensatz dazu kann es sein, dass es anfangs hellauf begeistert ist, dann aber das Interesse verliert an einem Spielkameraden, mit dem man noch nichts anfangen kann. Auch das ist ok.

Rückzug akzeptieren
Gerade als frische Zweifachmutter ist man zwischen Wochenbett und dem älteren Kind hin und hergerissen. Der Neuankömmling braucht uns, wir müssen uns schonen und dennoch wird nach uns verlangt. Mal mehr. Mal weniger. Mal lauter. Mal leiser. Es ist nicht leicht sich zurückzunehmen. Viel zu schnell will man es allen recht machen. Ich habe oft versucht jede freie Minute mit Herrn Klein zu verbringen. Er hat sich darüber gefreut aber viel zu oft musste ich dann mitten im Spiel oder beim Abendritual „davonlaufen“ weil Frau Klein erwachte und hungrig nach mir verlangte. Das hat Herrn Klein oft mehr mitgenommen, als wenn ich von vornherein gesagt habe, dass ich keine Zeit habe. Eine klare Auszeit ist für alle wesentlich leichter hinzunehmen, als die ständige Angst, dass die lustvolle Gemeinsamkeit urplötzlich wieder dahin sein könnte. Vergleichbar ist das mit einem Dienst auf Abruf. Können wir unseren Partner wirklich abends genießen, wenn es sein kann, dass er jederzeit aufspringen und davonfahren muss? Fällt es uns nicht leichter, wenn er ein paar Tage am Stück nicht da ist, wir aber wissen, dass er DA ist, wenn er zurückkehrt?

Also akzeptieren wir lieber, dass wir uns nicht vierteilen und auch nicht klonen können. Und erlauben uns Rückzug, statt übermotiviert über unsere eigenen Füße zu stolpern.

Einer nach dem anderen
Dies war ein Hinweis, den ich bereits zu Beginn meiner zweiten Schwangerschaft erhielt und besonders logisch fand, auf den ich aber wohl allein nicht gekommen wäre.

Nummer 1 muss Nummer 1 bleiben.

Das ältere Kind ist seit Jahren da und hat seinen Platz in der Familie. Es ist die Nummer 1. Von daher ist es wichtig, dass es die Nummer 1 bleibt, auch wenn nun ein zweites Kind einzieht. Denn das zweite Kind hat noch gar keinen Stand in diesem System Familie. Es muss nichts verteidigen und kann sich sehr gut mit Platz 2 abgeben, wenn es nie etwas anderes gekannt hat. Und wenn es von Anfang an erfährt, dass es Platz 2 innehat.

Das heißt nun nicht, dass das ältere Kind immer bevorzugt und das Baby vernachlässigt wird. Sicher gibt es vor allem am Anfang Situationen, in denen das Baby Vorrang hat. Zum Beispiel kann es nicht aufs Essen warten, bis sein älterer Bruder genüsslich seine 2 Brote verspeist hat. Aber es ist hilfreich diese „Rangfolge“ im Hinterkopf zu bewahren und in den Situationen, in denen es uns möglich ist, Nummer 1 den Vorrang zu geben. Und das auch deutlich zu sagen.
„Ich weiß, dass Du eine neue Windel brauchst. Aber ich werde jetzt erst Deinem Bruder beim Umziehen helfen. Dann bin ich für Dich da.“

Vor allem in dem man das so verbalisiert, hört das ältere Kind, dass es in diesem Fall „Vorrang“ hat. Es erkennt seine Position wieder und fühlt sich an seinem Platz.

Hilf mir – wenn Du magst
Sehr häufig ist in Artikeln, in denen es um die Problematik des neuen Geschwisterchens geht, die Rede davon, dass man das ältere Kind soweit wie möglich mit einbeziehen soll. Bei Bekannten von mir führte das so weit, dass der ältere Sohn nicht mehr schlafen konnte, weil er das Gefühl hatte, die ganze Zeit „Auf Abruf“ zu sein und helfen zu müssen, wo es nur geht. Erst, als seine Eltern ihm vermittelten, dass er nachts nichts anderes zu tun habe als zu schlafen, tat er das auch wieder.
Das Einbeziehen in alltägliche Aktivitäten wie Wickeln, Baden und Anziehen können von daher ein Angebot sein. Nichts weiter.
Natürlich haben viele Kinder Interesse daran zu helfen und wollen „wie die Großen“ aktiv am Geschehen teilnehmen. Aber zu schnell gewöhnen wir uns daran und fordern es irgendwann ein. Ein „Nein“ sollte zu jeder Zeit möglich sein dürfen.

Zutrauen
In meinem Post zum Thema „Zutrauen und Zulassen“ habe ich davon geschrieben, dass wir unseren Kindern von vornherein Dinge oft gar nicht zutrauen. Das gilt auch für die Vorsicht und Sanftheit im Umgang mit einem Säugling. Als Frau Klein einzog hatte ich genau davor Angst – wie wird dieser wilde knapp Dreijährige mit so einem kleinen Wesen umgehen ? Doch ich war überrascht. Er war anfangs sehr zärtlich und sanft. Natürlich gibt es Momente, in denen er etwas zu wild daherkommt, sie erschreckt oder zu fest drückt. Doch meistens ist er vorsichtig. Anfangs war der Drang da, ihm bei jedem Ansatz einer Berührung mit Frau Klein zu sagen: „Sei vorsichtig!“ Doch wo führt das hin? Dass wir ihm das Gefühl geben, ihm nicht zuzutrauen, dass er sanft sein kann. Dass wir ihn ständig in seiner Euphorie einbremsen. Und das ist sehr traurig für ein Kind. Wichtiger ist es also, in der Nähe zu bleiben und genau zu beobachten. Wie reagiert das Baby darauf? Säuglinge halten zum einen viel mehr aus, als man vor allem beim ersten Kind noch glaubt. Zum anderen kann man immer noch rechtzeitig sagen: „Das war jetzt zu fest.“ oder „Das gefällt ihr nicht.“
Auf diese Weise spricht man beide Kinder gleichzeitig an, ohne ein Kind direkt zu beschuldigen. Statt „Hör auf Du tust ihr weh!“ kann man sagen: „Schau, das tut ihr weh.“

Dich trag ich. Dich nicht.
Schon in der Schwangerschaft müssen wir meist einsehen, dass wir nicht mehr so schwer heben und tragen können. Unsere Kinder leiden da oft sehr darunter. Noch schwieriger kann das werden, wenn das neue Baby dann da ist und immer getragen wird.

Eine Freundin, die in einem Kindergarten arbeitet, hat folgendes beobachtet.
Ein Mädchen tat sich sehr schwer mit der neuen Schwester in der Familie. Wenn ihre Mutter kam um sie abzuholen, schaute das Mädchen auf, blickte zu ihrer Mutter, als nächstes auf die Schwester in der Trage vor der Brust der Mutter und wandte den Blick wieder ab. Sie lief nicht zur Mutter, wollte teilweise gar nicht mit nach Hause gehen.“

Wenn es uns möglich ist, sollten wir versuchen den Kinderwagen ins Spiel zu bringen. Vor allem wenn wir beobachten, dass es unseren älteren Kindern schwer fällt, sich damit abzufinden, dass das Baby so viel Zeit mit Mama verbringt.
Bei schlechtem Wetter hole ich Herrn Klein auch mit Frau Klein im Tragetuch ab. Einfach weil wir dann flexibler die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können und weniger durch die Kälte marschieren müssen. Ich habe allerdings auch bei ihm beobachtet, dass er dann viel schneller verärgert und wütend reagierte, schrie oder mich angriff, als wenn Frau Klein im Kinderwagen lag.

Und weil gestern der Artikel „prokuscheln“ die Runde machte – hier ein Beispiel, wie man einfach mal von der normalen Route abbiegen kann:
Wir kamen vom Kindergarten, Herr Klein war sichtlich müde und erschöpft. Bis in den dritten Stock zu gehen fiel ihm sehr schwer. Er jammerte alle paar Stufen „anstrengend.“ Ich hatte die Babywanne mit Frau Klein drin in der Hand und keuchte selbst. Und hätte am liebsten gesagt „Jetzt geh einfach schnell, dann isses geschafft.“ Stattdessen atmete ich tief durch und stellte im 2. Stock die Babywanne ab, nahm Herrn Klein auf den Arm und trug ihn hinauf bis zu unserer Wohnungstür. Dann holte ich die Babywanne. Es war eine kleine Handlung, aber für ihn mit großer Wirkung: Ich werde gesehen. Ich werde verstanden.

Sehen und Verstehen
Herr Klein hat mit der Geburt von Frau Klein begonnen uns anzubrüllen. Oder auch sie. Dann baten wir ihn aufzuhören, was dazu führte, dass er noch mehr brüllte oder uns anspuckte. Oder sie. Was dann dazu führte dass ich entweder gleich ausflippte, oder ihn anschrie er solle nicht so schreien oder spucken. Ein Rad, ein erbärmliches, was nicht aufhört, sich zu drehen.

Eines Tages dann las ich im „Siblings without rivalry“, dass wir, wenn die Kinder ihren Geschwistern weh tun oder weh tun wollen, sehen sollten, was in diesem Moment hinter dieser Handlung steckt, statt die Handlung an sich sofort stoppen zu wollen. Und in dem Moment ging mir ein Licht auf. Das Brüllen, das Spucken waren alles hilflose Handlungen im Affekt. Herrn Klein fehlte einfach die Sprache um auszudrücken, dass er frustriert, verärgert, traurig, enttäuscht, verängstigt etc. war. Wenn er nun brüllt, trete ich einen Schritt zurück. Ich versuche die Situation zu erkennen und sage „Es nervt, dass ich Deine Schwester schon wieder stillen muss, statt mit Dir zu spielen, stimmts?“ Was folgt, ist meist ein daumenlutschendes Nicken.
Schreien, Brüllen und Spucken sind seitdem sehr viel weniger geworden.

Und das warst Du!
Ein Fotoalbum des älteren Kindes kann hilfreich sein dem Kind zu zeigen: „Du warst auch mal so klein. Dich haben wir auch mal so getragen / gefüttert / gebadet etc.“ Man kann das Thema klein / groß so ganz einfach untermalen.
Vor allem 2,5 – 3 Jährige fallen mit der Entwicklung des Ich-Bewusstseins wieder in die Babyrolle zurück. Sie schwanken sehr zwischen klein und groß sein. Sie wollen wieder Baby sein, wollen krabbeln, getragen werden, im Liegen gewickelt werden. Das ist eine normale Entwicklung und kein Grund zur Sorge. Mit Hilfe von Babyfotos kann man darauf eingehen und mit dem Kind darüber reden.

„Ja, danke!“
Immer wieder erlebe ich, dass Menschen, denen Hilfe angeboten wird, diese ablehnen und selbst „durchbeißen“. Ich selbst habe in der Schwangerschaft immer wieder angebotene Sitzplätze in der UBahn abgelehnt. Und mich dann geärgert. Aber mir war es unangenehm. Warum ist das so?

Auch von der älteren Generation hören wir immer wieder „Ja wir mussten damals auch… und wir hatten keine Wäschetrockner / Putzfrau / helfenden Ehemänner“.
Ja, das ist hart und traurig. Aber sollen wir nur, weil sie es damals auch geschafft haben, heute auf das verzichten, was uns möglich ist? Nein. Also springen wir über unseren Schatten und bitten wir um Hilfe und nehmen diese an !!!

Kein Kind hat etwas von einer Mutter, die eigentlich total erschöpft ist und ihre Ruhe haben will, dennoch aber in Gedanken an die ungeputzten Fenster Bücher vorliest.

„Siblings without rivalry“
ALLEN Mehrfacheltern kann ich dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen. Es beinhaltet so viele wertvolle Hinweise und Ratschläge für alle Geschwistersituationen von Anfang bis ins hohe Teenageralter, basierend auf Erzählungen aus Gesprächsrunden mit Eltern. Es ist ein wahrer Schatz und ich werde sicher in den nächsten Jahren immer und immer wieder darin lesen.

„Siblings without rivalry“ – Adele Faber und Elaine Mazlish

 

Nun, ich möchte behaupten dass wir noch immer am Anfang stehen. Und ich viele Dinge erst noch erkennen und sehen muss. Aber diese oben genannten Hinweise haben schon sehr viel bewirkt. Deshalb wollte ich sie mit Euch teilen.

Wie ging es Euch mit den neuen Babies im Haus ? Wie haben die Geschwister reagiert ? Was hat Euch geholfen ? Erzählt !

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„Muss Pipi“ – Sauber werden statt sauber trainieren

IMG_3915Herr Klein ist gestern 3 geworden. Heute hatten wir Freunde zum Feiern eingeladen und mit 3 Buben im Alter zwischen 1 und 5 ging es hier ziemlich zur Sache. Plötzlich stand Herr Klein in der Tür und sagte „Mama, muss Pipi.“ Ich fragte, ob ich mitkommen soll zum Topf, aber er schüttelte den Kopf: „Hab schon in die Windel gemacht. Neue Windel anziehen?“ Ich ging mit ihm in sein Zimmer und wechselte seine Windel. Und war froh, dass er nach wie vor nach ihr verlangt.

Für viele scheint ein/e Dreihjährige/r sehr alt für Windeln. Die meisten Kinder werden vorher oder spätestens um den dritten Geburtstag herum zum Sauberwerden trainiert. Aber ich bin der Meinung, dass jedes Kind sauber wird. Von allein. Ohne Training. Ohne Dressur. Kein Belohnen und kein Bestrafen. Weil es ein natürlicher Prozess ist. Der dann stattfindet, wenn das Kind bereit ist.

Es gibt verschiedene Meinungen über die Anzeichen der „Sauberkeitsreife“ . Manche meinen, dass, wenn Kinder Stiegen im Wechselschritt gehen können, sie physisch bereit sind. Andere sagen, es hängt mit dem Ich-Verständnis zusammen. Ein psychischer Schritt. Letztendlich steht jedoch fest: Man wird es nicht übersehen, wenn ein Kind bereit ist.

Herr Klein hat vor ca. einem Jahr das erste Mal im Kindergarten in den Topf gemacht. Ein großes Geschäft und ein noch größeres Trara drumherum. Die Pädagoginnen waren sofort dahinter und der Meinung er wäre nun bereit und könne „trainiert“ werden. In ihrem Fall hieß das: Alle halbe Stunde fragen, ob die Kinder aufs Klo müssen. Den Topf bis zum Mittagstisch und in den Garten hinterhertragen.
Als wir darum baten, dies mit Herrn Klein nicht zu tun, erhielten wir erstaunte, fragende Gesichter. Wenig Verständnis und ab da immer wieder gut gemeinte Ratschläge und die Windeln zurück, die wir ihm am Morgen daheim angezogen hatten. Weil sie ihm nach seiner Ankunft im Kindergarten immer wieder sofort die Windel gegen die Unterhosen tauschten.

Was ich dagegen habe, dass mein Kind alle halbe Stunde an den Topf erinnert wird?
Nun, das eigentliche Ziel ist doch, dass ein Kind
1. erkennt, wann es aufs Klo muss und
2. die Blase so kontrollieren kann, dass es rechtzeitig dorthin schafft bzw. es schafft aufzuhalten, bis ein Topf oder WC erreichbar sind. Wenn ich das Kind nun alle halbe Stunde erinnere, führt das dazu, dass Kinder oft aufs Klo gehen, obwohl die Blase nicht wirklich voll ist. Sie bleiben zwar so oft den ganzen Tag über „trocken“ (so auch im Fall von Herrn Klein), aber es führt nicht dazu dem eigenen Gefühl, dem eigenen Körper zu lauschen und zu folgen. Es ist tatsächlich eine Art Training, aber keine wirkliche eigenständige Entwicklung.

„Die Forderung, dass ein Kind seine Exkremente zu einem vom Erwachsenen geforderten Zeitpunkt in den Topf macht, nimmt dem Kind die Möglichkeit, bestimmte Eigenschaften seines Körpers selbst kennenzulernen und sich bewusst zu werden, dass es von einem gewissen Reifegrad an die Kontrolle über seine Schließmuskeln ausüben kann.“

„Es gibt unzählige Mütter, die stolz darauf sind, dass ihr Kind früh „sauber“ wurde, es jedoch normal finden, dieses Kind noch im Alter von fünf oder sechs Jahren daran zu erinnern, auf die Toilette zu gehen (…). Das Training hat dem Kind nicht die Schwierigkeit abgenommen, sich selbst entscheiden zu müssen, es jedoch verwirrt und hinsichtlich und hinsichtlich seiner eigenen Körperfunktionen in Abhängigkeit gehalten.“
(aus „Abschied von der Windel“)

Darüber hinaus wird ein Kind auf diese Art und Weise immer wieder aus der Beschäftigung / dem Spiel gerissen. Das Thema Klo nimmt eine enorme Wichtigkeit ein und bestimmt den Tag. Dabei gibt es im Alter von 2, 3 Jahren wesentlich Wichtigeres, als ständig auf den Topf zu laufen.

Was ich dagegen habe, dass mein Kind Unterhosen trägt, bevor es wirklich „sauber“ ist?
Die heutige Situation mit Herrn Klein hat gezeigt, dass es besser ist, dass Herr Klein noch eine Windel trägt. Im größten Trubel, wenn er müde ist oder zu beschäftigt, schafft er es nicht rechtzeitig aufs Klo. Das heißt, dass er noch nicht komplett „trocken“ ist. Denn kein Erwachsener ist je zu müde oder zu beschäftigt, um es nicht doch noch aufs Klo zu schaffen. Oder?
Wenn ein Kind nun dennoch Unterhosen trägt, führt das zu den sogenannten „Unfällen“. Diese halte ich jedoch für unnötig. Sie tun dem Kind absolut nichts Gutes. Es ist unangenehm in nasser Hose dazustehen, nicht selten umgeben von Fremden oder zumindest anderen Kindern. Auch Kinder haben ein Recht auf Intimsphäre und können vor diesen Unannehmlichkeiten bewahrt werden.

Vor allem in der heutigen Zeit mit den Höschenwindeln ist es einfach, einen Mittelweg zwischen Windeln und Unterhosen zu gehen. Die Kinder sind sicher verpackt, können sich aber die Windel am Klo dennoch sehr schnell selbst runterziehen.

Oft steht im Vordergrund die Angst, dass ein Kind, solange es Windeln trägt, nie davon loskommen wird. Auch das ist eine Fehleinschätzung unserer Kinder. Kinder wollen groß werden. Sie wollen so werden wie wir. Wollen allein Essen und Trinken, sich allein An- und Ausziehen und wollen auch irgendwann allein aufs Klo.
Natürlich kann man Unterhosen anbieten, wenn man merkt, dass ein Kind sehr regelmässig und zuverlässig aufs Klo geht. Dennoch sollte man ein Nein auf dieses Angebot akzeptieren.

 

Herr Klein trägt nun also nach wie vor Windeln. Wir bieten ihm morgens beides an und er wählt recht konsequent die Windeln. Vor ein paar Wochen fiel uns auf, dass er das große Geschäft grundsätzlich rechtzeitig ansagend in den Topf macht, statt in die Windel. Gleiches geschieht momentan mit dem kleinen Geschäft. Ohne unser Zutun, ohne Druck, ohne Belohnung. Eine ganz eigenständige Entwicklung.

Warum ich nichts davon halte Kinder für einen erfolgreichen Klobesuch zu belohnen?
Wie oben schon beschrieben ist das Sauberwerden ein natürlicher Prozess, den ALLE gesunden Kinder durchleben. So wie die motorische Entwicklung oder die Sprachentwicklung.  Ich kann mich also mit meinem Kind freuen, wenn es von allein auf den Topf wollte und diesen mit Inhalt gefüllt hat. Natürlich mag das Kind stolz darauf sein und es sogar „aufheben“ wollen. All das kann ich freudig begleiten. Aber eine Belohnung führt in solchen Fällen eher dazu, dass Kinder womöglich öfter als notwendig den Topf oder das Klo aufsuchen und wiederum die Blase entleeren, wenn sie noch gar nicht wirklich voll war. Ist das ein Problem? Muss es nicht sein, kann es aber werden. In den ersten Jahren ist die Blase noch im Wachstum. Wenn sie nie wirklich gefüllt wird, wird das Volumen nie voll ausgenutzt und die Blase bleibt eher klein. Das kann dazu führen, dass man auch im Erwachsenenalter auf Grund dieser eher kleinen Blase recht häufig urinieren muss.

Abgesehen davon sind meines Erachtens nach Belohnungen prinzipiell kontraproduktiv (siehe auch ein früherer Post „Siehst Du mich“ von mir zu dem Thema oder wunderbar beschrieben im Artikel von Alfie Kohn „5 Gründe gegen gut gemacht!“), vor allem aber in entwicklungsbedingten Schritten absolut unnötig. Ein Kind lernt laufen, auch wenn ich es nicht für jeden vorherigen motorischen Milestone belohne. Und so lernt ein Kind auch die Blasenkontrolle, ohne, dass ich es für jedes Wasserlassen am Klo oder Topf lobe.

Schlussendlich gehört es auch akzeptiert, dass Kinder einen eigenen Körper haben, an den sie sich gewöhnen wollen. Den sie kennenleren und in dem sie sich wohlfühlen sollen. Die vollständige Blasen- und Darmkontrolle ist eine sehr intime Entwicklung, die viel mit dem eigenen Körpergefühl zu tun hat. Es ist ein sensibles Thema, das man sensibel begleiten sollte. Die Signale des eigenen Körpers zu erkennen und ihnen folgen zu können ist unser ganzes Leben lang wichtig und notwendig. Erlauben wir das unseren Kindern von Anfang an.

 

weiterführende Links und Literatur
„Abschied von der Windel – Die Kontrolle der Schließmuskeln und die Entwicklung des kindlichen Selbstbewusstseins“ Judit Falk, Maria Vincze

„In her own time: Learning to use the toilet“ 

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Daumen hoch !

IMG_3747Frau Klein hat die letzten Tage ausschließlich daran gearbeitet ihren Daumen Richtung Mund zu befördern. Es war sehr spannend zu beobachten. Wie sie anfangs den Daumen in die Faust gepresst hielt, so dass, selbst wenn die Hand in der Nähe vom Mund landete, keine Chance für den Daumen bestand, hineinzuflutschen. Mittlerweile weiß sie, dass sie den Daumen abspreizen muss. Dennoch ist sie noch weit entfernt davon den Daumen dafür zu verwenden, wofür sie ihn braucht.

 

Ich weiß, dass bei vielen Eltern in diesem Moment alle Alarmglocken läuten, dass sie immer und immer wieder die Hände der Kinder aus dem Mund nehmen oder auch stattdessen den Schnuller anbieten. Und das ist ok. Denn wenn man als Eltern nicht überzeugt ist vom Daumenlutschen und seinem Kind unglücklich dabei zusieht, kann der Daumen schnell zu einem Problem für die Beziehung zwischen Eltern und Kind werden. Spannungen aufbauen. Hier beschreibe ich lediglich, warum ich meine Kinder nicht davon abhalte.

Herr Klein hat ebenfalls mit ca. 9 Wochen den Daumen für sich entdeckt. In 2 Wochen wird er 3 und sein Daumen ist nach wie vor sein ständiger Begleiter. Ich bin froh darüber, denn in meinen Augen hat das Daumenlutschen entschiedene Vorteile.

Innerer Trieb
Beide Kinder haben ganz von sich aus begonnen mit ca 7-8 Wochen die Hände Richtung Mund zu bewegen. Natürlich machen das alle Kinder, es ist Teil der Bewegungsentwicklung. Dennoch finde ich es wieder spannend zu sehen, wie scheinbar natürlich dieser Vorgang ist und wie er ganz automatisch dazu führt, dass Kinder Daumen, Finger oder Teile der Faust in den Mund stecken und daran lutschen oder saugen. Es ist ein innerer Trieb, den ich keinesfalls unterbinden möchte.

öko
Ich bin wohl oder übel eine Ökotussi. Ich versuche bewusst nachhaltig zu leben und Dinge, die unnötig sind, zu vermeiden. Vor allem wurmt es mich, von wie viel Plastik wir in unserem Leben umgeben sind. Die Babyabteilungen in Drogeriemärkten schocken mich – Plastikflaschen, Beißringe aus Plastik, Plastiklöffel, Schnuller… All das versuche ich weitestgehend zu vermeiden.

Immer da
Der Daumen landet dann im Mund des Kindes, wenn es motorisch dazu bereit ist. Und ab diesem Moment kann es ihn jederzeit verwenden. Er fällt nicht runter, nicht außer Reichweite. Er verschwindet nachts nicht in den Weiten des Bettes. Statt dem unermüdlichen Rufen nach den Eltern reicht eine Bewegung und das vertraute Ding ist da, wo es gebraucht wird.

Immer „sauber“
Nun, Kinderhände sind meist alles andere als sauber. Aber ihre Hände sind immer so dreckig wie die Umgebung, die sie erreichen können. Babies liegen anfangs nur auf Decken und somit ist der Daumen nie am dreckigen Boden, auf der Straße oder irgendwo, denn er fällt nicht runter. Er muss nicht desinfiziert werden. Wenn das Kind größer wird, der Daumen dreckiger, dann ist das Kind generell so mobil und motorisch entwickelt, dass es sich – ob Schnuller oder Daumen – sämtlichen Dreck direkt in den Mund stecken kann. Das ist dann wohl der allmähliche Aufbau des Immunsystems…

BeruhigungsHILFE
Wenn Herr Klein am Daumen lutscht, weiß ich, dass er etwas verarbeitet oder müde ist. Ich weiß aber, dass es nichts ist, wozu er mich dringender bräuchte als seinen Daumen. Denn wenn ihn etwas beschäftigt, was er nicht durch Daumenlutschen allein schafft, dann meldet er sich. Lautstark. Somit weiß ich, dass der Daumen ihn nicht ruhig stellt oder er dadurch Probleme „in sich aufsaugt“. Denn durch das Daumenlutschen hat er von Anfang an selbst beschlossen, wann er diese Beruhigungshilfe einsetzen will und kann. Und wann sie ihm nicht ausreicht. Niemals hätte ich ihm in unruhigen Nächten (Zähne oder Verarbeitung) den Daumen von mir aus in seinem Mund stecken können. Wenn er wach war, schrie oder weinte und nicht zur Ruhe kam, lag es an mir herauszufinden, was los war. Herausfordernd ja.

im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.
im Krankenhaus war der Daumen ganz wichtiger Begleiter.

Das Daumenlutschen wird deutlich weniger, wenn die Kinder mobiler werden. Wenn sie bewusst nach Spielzeugen greifen und vor allem, wenn sie beginnen zu krabbeln. Ein Schnuller bleibt da doch gern im Mund stecken, denn die Hände sind ja frei. Er ist eben kein Stöpsel, den man erst aktiv ziehen und beiseite legen muss.

Sprache
Die Gefahr die Sprachentwicklung zu behindern oder zu beeinträchtigen ist beim Daumen wesentlich geringer. Denn wenn das Kind etwas sagen will, so nimmt es automatisch den Daumen aus dem Mund.

Ich streite nicht ab, dass der Daumen seine Nachteile hat: 

Zahnfehlstellung
Das ist wohl die erste Hauptangst der Eltern, wenn sie ihr Kind am Daumen lutschen sehen. Fakt ist, dass für die Zahnstellung der Kinder auch die Gene verantwortlich sind. Und dass ein Schnuller keine Garantie dafür ist, dass das Kind keine Zahnspange benötigt.
Ich selbst habe bis zum Teenageralter Daumen gelutscht. Die Aussage des Kieferorthopäden ich bräuchte eine Zahnspange, ignorierte meine Mutter. Wenige Jahre später mussten mir alle 4 Weisheitszähne herausoperiert werden. Diese neu entstandenen Lücken lösten meine Zahnstellung so, dass ich heute keinerlei Überbiss mehr habe. Mein Mann, der weder Daumen noch Schnuller nahm als Kind, hat Zähne im Mund, die wie Kraut und Rüben stehen…

nach dem Einschlafen fällt er von allein raus...
nach dem Einschlafen fällt er von allein raus…

Abgewöhnen
Die Panik, das Kind könnte mit 6 daumenlutschend eingeschult werden, scheint groß bei den Eltern. Damit verbunden die Angst um die Zähne, klar.
Aber keine Sorge liebe Eltern – hier leistet die Gesellschaft ihre Dienste. Oft werde ich auf das „arme daumenlutschende Kind, das keinen Lulli haben darf“ angesprochen. Schlimmer noch – Herr Klein wird direkt darauf aufmerksam gemacht. Die Großeltern reisen immer wieder mit dem Spruch „Lutscht Du immernoch am Daumen?“ an. Das einzige was ich dabei tue, ist ihn unterstützen in dem, was er braucht: den Daumen.
Somit wird er nach und nach sehen, dass das Daumenlutschen wohl etwas „außergewöhnlich“ ist. Es – so wie ich damals – irgendwann tagsüber selbst einstellen. Und ob er mit 10 oder 16 zum Einschlafen noch am Daumen lutscht, ist dann schlichtweg seine Entscheidung.

Das mag makaber klingen. Aber ab einem gewissen Alter übergebe ich gewisse Verantwortungen an mein Kind. Natürlich werde ich es vorher unterstützen und beobachten, ob es den Daumen wirklich noch braucht und wann. Einen wundervollen Artikel hierzu findet man auf www.handinhandparenting.org. Denn nein – ich ignoriere das Daumenlutschen nicht völlig. Natürlich ist mir wichtig, dass es nicht nur zu einer passiven einlullenden Gewohnheit wird.

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Autos beim Parken und Rangieren zuschauen – aufsaugen mit allen Sinnen.

Wie gesagt habe ich selbst lange Zeit Daumen gelutscht. Es war so weit, dass ich mit meiner Mutter gemeinsam versuchte mit Hilfe von Pflastern oder Cremes dem Daumenlutschen ein Ende zu setzen. Nichts von all dem half. Wie es mir letztendlich gelang, weiß ich nicht einmal mehr. Auch nicht genau wann.

Ich verurteile keine Eltern, die ihren Kindern lieber den Schnuller geben, weil sie dabei doch etwas mehr „Möglichkeiten“ haben, wenn es ums Abgewöhnen geht. Und davon abgesehen gibt es ja Kinder, die weder noch brauchen. Es ist wie gesagt eine Entscheidung, die jede Familie für sich treffen muss. Mit allen Konsequenzen. Ich für mich, bin jedenfalls überzeugt vom Daumen. Und schaue weiter fasziniert zu, wie Frau Klein übt und probiert. Rechts oder links – das ist noch offen.

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