Aus dem Studium: Mentales ist nicht korrigierbar

IMG_3257Seit Oktober studiere ich an der Fernuni Hagen Psychologie. Nicht, weil mir sonst so fad wäre, sondern weil es mich interessiert und ich es als gute, bereichernde Ergänzung zu meiner Arbeit sehe. Denn oft lande ich im Gespräch mit Eltern an einen Punkt, an dem ich merke, dass es hier fast besser wäre, ein Profi würde das betrachten. Jemand mit psychologischem Hintergrund.

Gestern saß ich also wieder über meinen Skripten und betrachtete das Leib-Seele-Problem. Das ist die Fragestellung, in wie weit Leib und Seele zusammenhänge, getrennt voneinander sind, sich einander bedingen oder eben nicht. Vorab wurde tabellarisiert dargestellt, welche Gegensätze die beiden aufweisen. Der Leib ist objektiv, die Seele subjektiv. Der Leib ist öffentlich, die Seele privat. Der Leib ist korrigierbar, die Seele nicht. Was heißt das, korrigierbar?

Wenn ich sage, jemand hat blaue Augen, jemand anderer aber sagt, die seien grau, so kann man das prüfen und die Aussage des einen oder anderen entsprechend korrigieren. Wenn jemand sagt, er sei traurig, so kann niemand anderes daherkommen und sagen: stimmt nicht, Du bist glücklich.

Aha. So stand es also im Skript. Und so klingt es verständlich (wenn auch etwas akademisch hölzern) und logisch. Wie kommen wir nun aber immer wieder dazu, unseren Kindern zu sagen, das würde doch gar nicht weh tun, sie wären doch zu groß um Angst zu haben und sie würden ihr Geschwisterchen natürlich lieben und nicht hassen?

Denn das geschieht sehr häufig. Das ist doch gar nicht schlimm. Da ist ja nichts passiert. Da muss man nicht weinen und überhaupt, das tut nicht weh. Jetzt sei nicht traurig, komm, wir machen Faxen und alles ist gut.

Einer Freundin würden wir nie sagen, dass es nicht weh getan hat, als sie sich eben den Kopf am Regal gestoßen hat. Unserem Freund würden wir nie sagen, dass es nicht schlimm ist, dass er den Job nicht bekommen hat. Und dass er sich doch einfach einen anderen suchen kann. Und wenn wir das doch tun, dann ist das nicht das, was dieser hören will und was empathisch ist, sondern es ist wenig hilfreiches Gerede. Nicht selten aus einer eigenen Hilflosigkeit heraus. Weil wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Weil wir womöglich selbst nie erfahren haben, was man sagen kann, in solchen Situationen. Nämlich das, was ist. „Du bist jetzt enttäuscht. Du hättest den Job wirklich gern gemacht.“

Und dann fühlt er sich verstanden. Mehr braucht es nicht.

Wir wollen oft retten und helfen. Auch, wenn wir es gar nicht können. Warum? Weil wir vielleicht selbst oft gerettet wurden. Weil etwas, was weh tat, durch Spaß und Faxen weggespielt wurde. Weil Traurigkeit heruntergespült wurde. Weil Ablenkung das Mittel der Wahl war, wenn unsere Emotionen andere überforderten. Und so wurden wir für kurze Momente gerettet. Langfristig lernten wir jedoch nicht, diese Emotionen zu begreifen und mit ihnen umzugehen.

Aber wir können das lernen. Dafür müssen wir gar nicht Psychologie studieren. Es reicht, dass wir dann, wenn wir, unsere Kinder oder andere Personen emotional aufgewühlt sind, versuchen, zu erkennen, was sie empfinden. Gar nicht unbedingt, warum wir oder sie so empfinden. Die Frage nach dem Warum drängt uns dann nämlich schon wieder in diese Rettungsposition. Warum ist es so und wie kann ich das ändern? Einfach nur sehen und erkennen: So empfinde ich. Du bist jetzt traurig, wütend, enttäuscht, überglücklich etc. Und wenn wir das nicht können, wenn wir nicht sehen, was ist, dann können wir genau das sagen: „Ich weiß jetzt wirklich nicht, was los ist, was Du hast, aber ich sehe, dass Du aufgewühlt bist, Dich etwas beschäftigt etc.“

Und die Rettung? Die kommt mit der Zeit. Oft stellt sie sich im Kopf ein, wenn man einmal verstanden wurde. Wenn man merkt, dass die Gefühle, die Emotionen, nicht komplett verkehrt und fehl am Platz sind, sondern ihren Raum haben dürfen. Wenn sie einmal benannt wurden. Dann sind sie greifbar, und etwas greifbares, kann auch leichter gerettet werden, meine ich. Was meint Ihr ?

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Comments

  1. Ich stimme gerne und aus vollem Herzen zu. Es geht eben nicht darum, etwas ungeschehen zu machen (was ja sowieso nicht geht) oder gleich eine Lösung zu finden. Meine Kinder sitzen recht oft auf meinem Schoß, werden gehalten und immer wieder bin ich erstaunt, wie schnell das Kind sich berappelt und weiter geht es, sehr oft auch ohne Lösung. Es scheint, dass dieses „Die Gefühle ernst nehmen“ das Allerwichtigste ist.

  2. Ich wollte gerne einmal loswerden wie gerne ich ihre Beiträge lese. Oft bin ich überrascht wie blind ich manchmal war. Meine Kinder sind fast erwachsen und ich habe schon hin und wieder gedacht wie schade es ist, dass ich das nicht damals als sie klein waren lesen konnte. Ich habe zwar Bücher gelesen, aber so wie sie schreiben, verstehe ich vieles was vorher nicht ganz verständlich war.
    Vielen Dank

  3. Mal wieder ein so guter und wichtiger Ansatz von dir. Finde es sehr wichtig Kinder ernst zu nehmen in ihren Gefühlen. Nervt mich immer wieder wenn andere zu meinem Kind sagen „War noch nicht so schlimm“ und ihr damit absprechen sich so zu fühlen wie sie sich grade fühlt. Empfand es selbst als Kind immer doof, wenn jemand sagte wie ich mich zu fühlen habe.
    Werde also nicht müde auch allen anderen zu sagen „Sie hat sich aber grade weh getan, das war für sie nun schlimm, auch wenn es gleich wieder gut ist.“

  4. Oh ja, es geht doch immer wieder ums Angenommen werden, genau so wie wir gerade sind, mit dem, was wir gerade sind und empfinden.
    Es geht ums „einfache“ Wahnehmen und Anerkennen, statt um Lösungen, die andere sich für uns, oder wir uns für sie, ungefragt ausdenken – egal ob wir klein sind oder groß.
    Ich werde nie vergessen, wie meine 3 Jährige als meine Großmutter gestorben ist und ich auch nach Wochen immer wieder einmal sehr traurig war, zu mir gekommen ist, mich umarmt hat und gesagt hat: „Gell, Mama du bist sehr traurig, dass die Omama nicht mehr da ist.“ Das hat mir sehr geholfen :-). Besser als jede Ablenkung und Beschäftigung.

  5. Hallo.
    Ich gehe mit meinen Kindern so um. Auch mit Erwachsenen. Es reicht, sich das einmal bewusst zu machen, wie man sich selbst fühlt, wenn das Gegenüber auf eigenen Schmerz mit „Ach, das ist gar nicht schlimm“ reagiert.
    Doch! Es ist schlimm! Und das ist auch okay weil gleich kann es besser sein.

    Der Umgang miteinander wird viel leichter so. Erkennen oder fragen, was das Gegenüber fühlt und die Emotion ansprechen. Vielleicht Mut machen, oder im positiven Fall einfach mitlächeln. Jede Emotion ist in Ordnung. Für jeden.

    VG Anke

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