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Good News – Ausflippen erlaubt !

IMG_5556Ich hatte nie vor meine Kinder anzuschreien. Und habe das auch lange nicht getan. Bis ich schwanger war mit Frau Klein. Und neue Grenzen erlebte. Dann mit Baby und Kleinkind, jetzt mit zwei Kleinkindern. Immer mehr innere Grenzen tun sich auf und mir fehlen die Werkzeuge, mit dem Überschreiten dieser umzugehen. Vielleicht war es auch die normale Entwicklung eines Dreijährigen Herrn Kleins. Aber eigentlich spielt das Warum gar keine Rolle.

Ich begann bereits während der zweiten Schwangerschaft immer wieder laut zu werden. Und irgendwann auch zu schreien. Weil ich nicht mehr anders weiter wusste. Mir war bewusst, dass es absolut sinnlos war und nichts brachte. Aber mein Körper konnte nicht mehr anders.

Dann habe ich begonnen mich mit dem Thema ausgiebig zu befassen. Und habe versucht dagegen anzukämpfen. Ich fand „The Orange Rhino“. Dort geht es darum die Tage zu zählen, die man nicht schreit. Und wenn man doch wieder laut wird, geht man zurück auf 0. Also fast ein Spiel. Auf der Webseite finden sich allerlei Tips und Hinweise was man tun kann in Momenten, in denen der Schrei hinaus will. Ich habe einige davon getestet. Nachhaltig wirksam war nichts.

Unlängst gab es auf Ahaparenting ebenfalls eine Liste an Hinweisen, um dem Schreien entgegenzuwirken. Ich fand vieles davon plausibel und machbar. Während ich das so las. in der akuten Situation waren sämtliche Tips und Hinweise graue Asche und ich unhaltbar.

An diesem Wochenende sprachen wir während des Sensory Awareness Workshops über das allübliche Problem Unruhezustände innerlich bereits im Keim zu erkennen und was damit zu tun sei. Wir alle bemerkten, dass wir, wenn wir gegen einen Impuls ankämpfen, ihn immer mehr anstauen. Und genau das hatte ich erlebt. Wenn ich versuchte in ärgerlichen Situationen zu atmen, mich an einen Ort der Stille zu denken oder den Raum zu verlassen, um ja nicht auszuflippen, so explodierte ich später dann umso mehr. Immer und immer wieder erlebte ich das und war ratlos.

Doch nun im Kurs fanden wir gemeinsam eine wesentlich menschlichere Lösung. Dass Ausflippen authentisch sei. Lautwerden menschlich. Wenn ich nun stattdessen atme, oder mich wegdenke, versuche, das Gefühl zu verdrängen, bin ich nicht ich. Ich kämpfe gegen einen inneren Impuls an, und damit gegen mich selbst. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Wenn ich mich ärgere, ärgere ich mich und genau in dem Moment, in dem ich das erkenne, ist es wichtig, dieses Gefühl an- und ernst zu nehmen. Und sofort zu reagieren. Das heißt nun nicht, dass ich jederzeit ausflippen und laut schreien kann, wenn mir danach ist. Viel mehr geht es darum

– das Gefühl gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass ich wirklich ausflippe. Denn ich behaupte, dass, wenn ich nicht so vehement versuche ruhig zu bleiben, während ich es eigentlich gar nicht bin, ich auch nicht so viel anstaue und letztendlich auch gar nicht so häufig ausflippen muss. Weil ich vielleicht viel eher erkenne, was ich für Möglichkeiten habe, mit meinem „leichten“ Ärger umzugehen.

Und – was ich für noch viel viel wichtiger halte – meinem Kind dabei zu vermitteln, dass es nicht falsch ist. Dass es nicht sein Wesen, seine Art ist, die mich zum Explodieren bringt. Sondern dass es diese Situation im Jetzt und Hier ist, die ich nicht aushalte. Weil es gefährlich ist, wenn er, während ich am WC bin, mit der kleinen Krabbelschwester in den Hausflur spaziert, weil es inakzeptabel ist, weh jemanden anzuspucken oder weh zu tun, weil Duplosteine im Klo nicht nur unhygienisch, sondern auch Verstopfungsgefahr sind. Dabei geht es nicht darum belehrende Vorträge zu halten, sondern nur dem Kind zu vermitteln, dass ich das jetzt so nicht aushalte. Und deshalb gerade auch mal lauter werde. Weil ich jetzt grad einfach keine andere Lösung weiß.

Ich hatte unlängst einen ganz schlimmen Tag. Ständig wurde ich laut und genervt und erklärte Herrn Klein unsanft was er hier und da falsch machte. Als ich ihn dann ins Bett brachte, die Wogen zur Ruhe kamen und nur mehr Stille uns umgab, tat mir all das mal wieder unendlich leid. Ich merkte, wie er sich zurückzog und wollte diesen Abend so nicht beenden. Also sprach ich auf ihn ein: „Es tut mir leid, dass ich wieder so viel ausgeflippt bin heute. Ich bin gestresst und unruhig. Aber ich werde daran arbeiten. Es liegt nicht an Dir. Ich werde versuchen das zu ändern.“ Herr Klein schaute mich mit großen Augen an und nickte. Dann drehte er sich um und ich wusste, dass er nun zur Ruhe kommen konnte. Ich streichelte ihn und ließ ihm seine Ruhe.

Jetzt bin ich ein wenig erleichtert. Weil ich nun nicht mehr krampfhaft daran arbeiten muss, gegen einen inneren Impuls anzugehen. Sondern diesem einfach mal folgen darf. Und dadurch womöglich andere Wege und Strategien entdecke, mit meinem Ärger, meiner Wut umzugehen.

Darüber hinaus gibt es natürlich die Notwendigkeit, solche Situationen gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Also im Vorfeld zu verhindern (Wohnungstür absperren, WC versperrt halten, etc.) das eben das geschehen kann, was mich verärgern könnte. Aber das ist ein anderes, ein sehr sehr weites Feld.

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Mit dem Drachen tanzen :: Von Wut und wie wir mit ihr umgehen

Derzeit (oder immer schon?) häufen sich die Texte zur sogenannten Trotzphase im Internet. Wie man ihr begegnet und am besten mit solchen wütenden Situationen mit dem Kind umgeht. Anschreien sei schließlich keine Lösung. 

Das teile ich im Grunde. Auch ich halte Schreien für eine sehr gewaltvolle Art der Kommunikation, die unsere Kinder sehr verletzen kann. Nun sind wir aber doch Menschen, Kinder bringen uns an unsere äußersten Grenzen und irgendwann bricht es aus uns heraus. Da las ich unlängst wieder einen Artikel, in dem ein paar Tips standen, was ich tun kann, wenn ich innerlich kurz vor dem Ausflippen bin. Atmen war dabei, bis 5 zählen und sogar Singen. Allein als ich das las, wäre ich am liebsten ausgeflippt, denn der Gedanke, dass ich singe, wenn mir nach Wüten und Schreien zumute ist, macht mich sehr aggressiv.

Nun muss ja jeder seinen eigenen Weg finden mit solchen Situationen umzugehen. Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema Achtsamkeit. Dennoch (oder gerade deshalb) gelingt es mir nicht immer ruhig zu bleiben. Vielleicht ist es mein Anspruch, dem ich da nicht gerecht werde. Ich bemühe mich doch so sehr achtsam durch den Alltag zu gehen, dennoch komme ich an meine Grenzen. Wie kann das sein?

Das Problem, das ich sehe ist, dass es sehr oft Hinweise und Ratschläge sind, die das Ausflippen im Moment unterdrücken oder abschwächen sollen. Augen schließen, zählen, atmen… Aber damit begegne ich ja dem Gefühl, dass in mir drin ist nicht, sondern ich unterdrücke es. Und was passiert mit solchen Gefühlen? Sie brechen irgendwann heraus wie ein Vulkan. Und zwar dann, wenn es eigentlich gar nicht so dramatisch ist. Nur hat es sich bis dahin bis zum Bersten aufgestaut.

Ich denke, dass solche Momente, in denen wir laut schreien wollen, eine Geschichte haben, einen viel längeren Weg und Ursprung, als nur jetzt diesen Moment. Und es ist wertvoller da hinzuschauen. Denn dann kann ich meinen gesamten Alltag nachhaltiger achtsam beleuchten anstatt nur Situationen zu behandeln.

Da gibt es die Momente, die vorprogrammiert sind. Ein Beispiel von gestern. Ich räume den ganzen Tag die Wohnung um und auf. Während ich wo räume, leeren die Kinder, die gerade krankheitsbedingt hier herumspringen, sämtliche Spielsachen aus. Während ich die Knöpfe einsammle, leert Miniklein die Bügelperlen aus. So bin ich froh, als ich in Ruhe kochen kann und sehe nur mit halbem Auge, dass Miniklein mit seinem Lieblingsspielzeug – der Kaffeemühle – herumläuft. Das ist prinzipiell kein Problem (es sei denn er versteckt die Kurbel in Herrn Kleins Schultasche, wo wir sie wochenlang nicht finden), aber heute habe ich nicht gesehen, dass oben noch ungemahlene Kaffeebohnen drin sind. Ich koche selig, wo ich vorher die Küche gefegt hatte und er schmeißt die Kaffeemühle auf den Boden. Klar, dass ich da ausflippen will. Klar aber auch, dass das passieren musste. 

Es gibt also Situationen, die wir eigentlich verhindern können, wenn wir ein wenig aufmerksamer sind.

Es gibt auch Situationen, die wir verhindern können, wenn wir früher eingreifen. Wenn die Kinder hier fangen spielen und sich dabei immer wieder hinter meinen Beinen verstecken, finde ich das einen Moment noch lustig, obwohl ich weiß, dass es mich nervt. Weil sie mir irgendwann dabei die Hose herunterziehen und weil ich es nicht mag, wenn man an mir herumzerrt. Wenn ich da also nicht gleich, noch bevor es mich total wütend macht, reagiere, weil ich vielleicht hoffe, sie hören eh gleich wieder auf oder weil ich gerade in was ganz anderes versunken bin und nicht aufmerksam, dann flippe ich irgendwann richtig aus. Und das muss nicht sein.

Natürlich hilft es mir auch zu sehen, was im Moment die Bedürfnisse meiner Kinder hinter ihren Aktionen sind. Aber ehrlich gesagt fällt mir das beim Ausleeren von Milch auf den Boden etwas schwer. Und in dem Moment ist das auch gar nicht die Frage. Da ist die Frage: Wie kann ich reagieren? Wenn ich schlecht drauf bin und sowieso schon am Limit, ein langer Tag hinter mir liegt, ein Kind krank ist und ich eine lange To Do Liste habe, dann werde ich wohl recht genervt sein und gehörig ausflippen. Wenn ich gut drauf bin und gelassen, dann werde ich sagen: „Oje, jetzt hast du die Milch ausgeleert. Bleib da oben sitzen, ich wische das schnell weg.“ Dann weiß ich, dass mein Kind ein Kind ist, dann tue ich, was ich zu tun habe, denn er kann mit seinen 1,5 Jahren die Milch nicht wegwischen. Dann weiß ich, dass ich ihn demnächst nicht mit der Milch allein am Tisch lasse oder nicht so viel Milch ins Glas gebe. Dann sage ich hinterher „Wenn du fertig bist mit Trinken, dann stell das Glas einfach auf den Tisch, ich räum es dann schon weg.“ Denn ehrlich – mein Kind weiß, dass man Getränke nicht wahllos auf den Boden leert. Warum er es getan hat ? Es kann viele Gründe geben. Viel wichtiger ist doch der Punkt: Wenn ich gut bei mir bin, dann kann ich damit umgehen und ihm vermitteln, dass ich das nicht mag. Ohne Schreien, ohne Ausflippen.

Das heißt aber, dass ich auch auf mich gut achten muss. Im Moment flippe ich nämlich zum Beispiel recht viel aus. Nicht, dass ich immer gleich schreie, aber ich bin schnell gereizt und genervt. Für mich ist das nicht ein Zeichen, dass meine Kinder grad „voll arg drauf sind“ sondern dass ich gerade nicht gut auf mich achte und alles ein bisschen viel ist. Und da nehme ich mich auch nicht in die Mangel, sondern schaue, was gerade zwickt und wo ich was tun kann.

Das klingt alles schön und gut, oder? Aber nun können wir nicht immer jede Situation verhindern, manche erwischen uns auch eiskalt. Und ich finde dann ist es legitim in dem Moment mir selbst einzugestehen: Ich bin jetzt verdammt nochmal echt wütend. Ich versuche in solchen Situationen nicht die Kinder anzuschreien, sondern fluche eben mal laut vor mich hin. Dann kommt nicht die geballte Wut bei ihnen an. Natürlich spüren sie, dass ich verärgert bin. Aber das ist ja auch nichts schlimmes. Ich bin ein Mensch und ich bin authentisch. Ich habe Ecken und Kanten. Und ich kann auch hinterher mit ihnen reden und sagen, was mich so geärgert hat. Oft verstehen sie das auch. Wir behandeln unsere Wut immer als den bösen Drachen, den es zu besiegen gilt und der uns davon abhält die Bedürfnisse unserer Kinder und ihre wahren Gefühle zu sehen. Wir sollten lernen mit dem Drachen zu tanzen, denn wenn wir ihn nicht einen Platz in unserem Leben geben, wird er ihn sich immer suchen. Auf seine Art.

All dieses Ausflippen ist also nicht nur eine Situation, die ich veratmen oder ins Halleluja singen kann. Sie ist ein komplexes Konzept. Das gilt im Übrigen für das Leben mit Kindern allgemein, nicht nur während der Autonomiephase. Und es ist eine Utopie und ein viel zu perfektionistischer Anspruch, wenn wir uns nicht zugestehen wollen, dass wir einfach mal wütend sind und dass diese Wut auch mal raus muss. Wir können durch einen aufmerksamen Alltag und viel Selbstachtsamkeit an uns arbeiten und viele solcher Momente verhindern. Aber nicht alle. Wir sind Eltern. Wir sind Menschen. Wir wachsen mit und an unseren Kindern. Und sie mit uns. Das sollten wir nie vergessen. Und letztendlich ist auch immer die Frage, in welcher Beziehung wir mit unseren Kindern sind. Wenn diese liebevoll ist, wir hin und wieder ausflippen, dann ist das etwas anderes, als wenn ich bei jeder Kleinigkeit ausflippe und vor allem grundsätzlich dem Kind die Schuld gebe. Ich glaube aber, dass solche Menschen auch nicht empfänglich sind für Hinweise wie atmen oder bis 5 zählen. Und etwas ganz anderes brauchen. Aber das ist ein anderes Thema.

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Warum wir schreien

Susanne Mierau hat gerade eine Blogparade gestartet gegen Gewalt gegen Kinder. Dabei geht es gar nicht einmal „nur“ um das Schlagen von Kindern, die kleine Ohrfeige, eine Tracht Prügel, die ausgerutschte Hand. Es geht um sämtliche Facetten der Gewalt. 

Ich wohne in der Stadt, in der ein Vater sein Kind durch eine „Strafdusche“ getötet hat. Ich habe es im Verriss der Medien miterlebt und mit gehofft, dass das Mädchen überleben wird. Und am Ende mitgelitten, weil sie es nicht geschafft hat. Mich machen solche Geschichten fertig. Endlos fertig. Weil ich weiter denken muss „Was ist da vorher schon alles passiert? Was hat dieses Kind schon alles erleben müssen, bevor es zu diesem Eklat kam?“ Es bewegt mich lange, so etwas zu lesen, zu hören und mit mir herumzutragen.

Dann denke ich oft an meine Kinder und wie gern ich sie behüten möchte, ihnen die liebevollste Umgebung bieten möchte, die sie bekommen können. Und ihnen niemals weh tun möchte. Die ich dreimal so viel umarme und halte, gerade wenn so eine Geschichte öffentlich geworden ist.

Und dann gibt es diese Tage. Die Tage, an denen alles schief zu laufen scheint. Oder alles scheinbar gut, bis zu dieser einen Minute, Sekunde, in der der Schalter kippt. Nein, ich schlage nicht zu. Aber ich werde laut. Ich schreie. Selten brülle ich auch. Und ich hasse es. Noch in dem Moment, in dem ich alles an Stimme aus mir hole, was da ist, weiß ich, dass das alles nur verschlechtert, dass das nichts bringt. Aber ich muss es tun. Ich kann nicht anders. Von Wut und Ärger getrieben. Was folgt ist Reue, ein schlechtes Gewissen und ein Tag, der – egal wie liebevoll – dennoch von Magengrummeln begleitet zu Ende geht. Zum Glück werden diese Tage weniger. Aber es gibt sie. Und das ist schlimm genug.

Schreien und Brüllen – auch das sind Formen von Gewalt. Wer einmal von einem lieben Menschen angeschrien wurde, weiß, wie sehr es erschreckt, verletzt und lange nachhallt. Wie sehr es schockt, verunsichert und Narben reißt. Und dennoch kommt es vor. Nicht selten sogar. Vor allem unsere Kinder schreien wir an. Aber warum? Warum gerade die Menschen, die uns von allen auf der Welt am liebsten sind? Denen wir doch eigentlich niemals etwas antun wollen? Die wir immer beschützen und für die wir immer nur das Beste wollen? Für die wir alles geben würden?

Ja, gerade weil wir alles geben, schreien wir. Oder?

Denn es sind nicht nur die Eltern, die ihre Kinder auch schlagen und duschen, die ihre Kinder anbrüllen. Es sind auch die, die all das nicht wollen. Die sich so viel Mühe geben um respektvoll, liebevoll, empathisch und gewaltfrei zu erziehen. Es sind auch die, die es am meisten bereuen, wenn sie laut werden.

Denn sie machen sich so viele Gedanken, wollen nur das Beste, lesen Ratgeber und Blogs, tauschen sich aus und hinterfragen jede Entscheidung dreimal. Sie sind einfühlsam und liebevoll. Und flippen dennoch aus. Gerade deswegen.

Wir sind enttäuscht. Weil trotz allem diese Momente entstehen, in denen nichts zu funktionieren scheint. In denen alle Werkzeuge, die wir uns zugelegt haben, zu versagen scheinen.

Wir sind verzweifelt, weil wir uns verantwortlich fühlen für jede Gefühlsregung unserer Kinder. Weil wir wollen, dass sie immer glücklich sind. Und uns schlecht fühlen, wenn sie es nicht sind.

Wir sind streng mit uns selbst. Wir wollen perfekt sein. Alles richtig machen. Und vergessen dabei, dass das Leben mit Kindern nie perfekt sein wird. Und es auch gar nicht sein soll. Wir übersehen uns selbst und den Lauf des Alltags hinter dieser Perfektion. Und deshalb schreien wir.

Zu spät
Manchmal erkennen wir Situationen erst zu spät. Erst, wenn sie eskalieren. Wir übersehen im Alltag schnell die Anzeichen dafür, dass unsere Kinder müde sind, erschöpft, hungrig. Dass es besser wäre die Notbremse zu ziehen und in den sicheren Hafen der eigenen vier Wände und der eigenen Abläufe und Routinen zurückzukehren. Weg vom Spielplatz, raus aus dem Supermarkt, Verabschieden vom Besuch.

Manchmal spielen die Kinder nach dem essen scheinbar gemütlich im Wohnzimmer und wir verquatschen uns am Esstisch. Dann gibt es einen Streit, der anfangs normal scheint. Bis es eskaliert. Ein Kind brüllt, eins schlägt zu, ein zweites weint. Geschrei. Getobe. Das falsche Elternteil bietet den falschen Arm zum Trost an. Ein Kind wird fälschlicherweise falsch beschuldigt. Ausnahmezustand. Jetzt zur Ruhe zu kommen, in Ruhe das Abendritual einzuläuten und durchzufahren ist schwierig. Und wir erkennen – wir hätten gleich reagieren sollen. Beim ersten Anzeichen. Oder noch vorher. 

Unklar
Wir bieten 3 Müslioptionen zum Frühstück oder das dritte Getränk zum Abendessen. Wir gehen den halben Weg zurück, um das Laufrad zu holen, dass dann auf halber Strecke… doch zu viel ist. Wir lassen unser Kind im Bus stundenlang den „schönsten“ Platz aussuchen, weil es uns eigentlich egal ist, wo wir sitzen. Bis der Bus anfährt, das Kind stolpert und wir – feststellend, wie genervt wir wirklich sind – dem Kind noch Vorwürfe machen. Weil wir nicht rechtzeitig klar gesagt haben „Nein, heute sitzen wir hier.“ oder „Es gibt jetzt diesen Saft oder Wasser. Ansonsten gar nichts.“ Statt dreimal mit dem Kind fangen zu spielen, um es am Ende dennoch brüllend vom Spielplatz heimzutragen, ist es wichtig rechtzeitig zu sagen: „Es ist spät genug und wir werden jetzt gehen.“
Uns fehlt oft die Klarheit. Wir wissen nicht genau, was wir wollen oder wie wir es ausdrücken können. Wir verlieren uns in scheinbarem Respekt und falscher Empathie, bis uns schlagartig bewusst ist, was wir wollen. Und es lautstark vermitteln. So, wie wir es nicht wollten.

Falsche Empathie
„Jaja ich weiß, Du willst gern noch bleiben. Aber wir gehen jetzt.“ ist scheinbare Empathie, die eigentlich sagt: „Ist mir egal. Ich will jetzt gehen.“ Wir müssen uns nicht immer in Einfühlung üben, um unsere Bedürfnisse klar zu äußern. Wenn wir als Eltern finden, dass es spät genug ist, dass es an der Zeit ist zu gehen, dann ist das so. Und wenn ich jetzt nach 4 Stunden am Spielplatz kein Verständnis mehr habe, dann brauche ich das auch nicht vorgeben. Dann kann ich einfach sagen, was ich jetzt möchte.
Wenn Empathie nicht aus dem Inneren, sondern aus dem zuletzt gelesenen Ratgeber kommt, spüren unsere Kinder das sofort. Und fragen nach. Indem sie uns testen und genau diesen Knopf noch dreimal drücken. Meint sie das wirklich? Versteht sie mich wirklich? Was will sie jetzt eigentlich selbst?

Wir haben oft Besuchskinder zu Gast. Die Eltern der Kinder haben manchmal schweres Spiel, ihre Kinder wieder nach Hause zu holen. Hin und wieder beschließen wir aber, auf Grund unserer Abendabläufe, dass es Zeit ist für ein Kind zu gehen. „So, für heute ist genug. Wir werden jetzt essen, und Du wirst nach hause gehen.“ – „Gleich. Der Papa hat gesagt ich darf lange bleiben.“ – „Hat der Papa das gesagt, ja? Wir werden jetzt aber Essen und dann wird Herr Klein ins Bett gehen. Deshalb gehst Du jetzt nach Hause.“ _ „Aber der Papa hat gesagt ich darf bis lange bleiben.“ – „Ja und ich sage, dass Du jetzt gehen musst, weil es spät genug ist. Ich bringe Dich noch rüber und wir können das mit dem Papa auch abklären.“ (wissend, dass der Papa das so sieht wie ich)

Das klingt nun so, als hätte ich diese Klarheit intus und würde all diese Situationen immer gut richten können. Aber eben nicht. Auch ich übersehe gern die ersten Anzeichen. Auch ich bin gern frustriert, dass ich doch so viel tue. Dass ich doch eigentlich so viel weiß. Gerade durch meinen Job und diesen Blog hier, bin ich oft noch frustrierter. Denn ich denke „Herrje, Du faselst immer von all diesen Dingen und kriegst sie selbst nicht auf die Reihe.“ Und dann sagt der Liepste: „Sei nicht so streng mit Dir.“

Und dann bin ich nicht so streng mit mir, erkenne, wo mal wieder was schief gelaufen ist, gebe meinen Kindern einen extra Gutenachtkuss und bin froh, dass sie mir mit jedem Tag eine neue Chance eröffnen.

Hilfe annehmen
Es gibt kein Rezept, um das Schreien und Brüllen zu verhindern. Es ist auch nicht hilfreich zu wissen, dass Schreien Gewalt ist und unseren Kindern weh tut. Es macht es manchmal noch schlimmer. Aber ich denke, dass, wenn uns bewusst wird, warum wir schreien, warum wir brüllen, wir eine Chance haben, diese Situationen zu vermeiden. Dass sie weniger werden. Und wenn wir uns dennoch nicht herausfinden aus all dem, wenn wir den lauten Modus nicht mehr zu verlassen scheinen, dann ist es eben doch vielleicht sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Zu akzeptieren – ich stehe hier irgendwo an. Denn auch das ist ein Grund, warum wir schreien. Weil wir nicht wahrhaben wollen, dass es ein Problem gibt, mit dem wir selbst nicht zurecht kommen. Wo wir doch so viel gelesen und verinnerlicht haben. Hilfe suchen und annehmen kann gut tun. Nicht nur uns. Auch unseren Kindern, die dadurch weniger Gewalt erfahren.

Und die gute Nachricht zum Schluss: Es geht nicht nur darum, alles liebevoll, leise und sanft zu vermitteln. Nein, wir dürfen laut werden. Wir dürfen genervt sein und verärgert. Aber wir dürfen unsere Kinder nicht anschreien und anbrüllen und ihnen damit das Gefühl geben, dass sie falsch, klein und unfähig sind. Ich darf die Wand anbrüllen, ich darf laut rufen „verdammt das ärgert mich jetzt.“ Ich darf auch mal eine Tür knallen. Aber in ein kleines Gesicht schreien, was das dazugehörige Wesen nun wieder angestellt hat, das ist Gewalt. Das tut weh. Das sitzt. Tief und fest. Und hinterlässt Narben. Sorgen wir für eine narbenfreie Kindheit. Ärgern wir uns. Über uns. Und über unsere Kinder. Aber nicht sie.

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